Ich und die Meinen

Ich und die Meinen

Herzlich willkommen!

So, das bin ich! Ich bin Kurt Palfi. Ich habe mir gedacht, jetzt muss mal ein neues Foto her. Leider hat Onkelchen ein Nacktfoto von mir hochgeladen. Aber ich sehe doch noch recht proper aus!
Wir (das sind ich, mein missratener Sohn Gianni Dona und Onkelchen, der alles für uns tippt) lästern in diesem Blog über alles, was gerade anfällt: Fußball, Politik, Film und Fernsehen, alles Mögliche. Viel Spaß!

Dienstag, 30. Dezember 2014

Der etwas andere Jahresrückblick

2014 ist schon fast wieder Geschichte. Onkelchen hat ja leider am Jahresende die Angewohnheit, sehr sentimental zu werden und den Moralischen zu kriegen. Dafür gibt es ja eigentlich keinen Grund! Und die dräuenden Krisen von 2015 - nun, die lassen wir einfach noch mal außen vor. Darum kümmern wir uns an einem anderen Tag. Aber es ist eine gute Gelegenheit, noch einmal ein paar Augenblicke des alten Jahres Revue passieren zu lassen. Vorhang auf dafür!


Ob das noch jugendfrei ist? Während Onkelchens Nichte im Mai dieses Jahres zur Konfirmation schritt, trieben es diese beiden Marienkäfer vor der Kirche wie die Karnickel! Sapperlot! Sodom und Gomorrha!  



Für die Künste, insbesondere die Poesie, hat Onkelchen immer etwas übrig. Auch wenn diese Gedichtzeile des bedeutenden Dichters Lothar Frohwein am Münchner Bahnhof Leuchtenbergring am Bahnsteig prangt.


Dieser Schnappschuss gelang Onkelchen auf dem Rückflug seines diesjährigen Taiwan-Trips. Damals nahm Onkelchen es sehr beruhigt zur Kenntnis, dass das Flugzeug der Cathay Pacific das ukrainische Krisengebiet weiträumig umflog.


Wie an anderer Stelle beiläufig erwähnt, verbrachten Onkelchen und Tante Dilein ihren Sommerurlaub in einem Ferienhaus im Süden Irlands. Im Gegensatz zu den üblichen Irland-Klischees genossen beide während fast der gesamten Zeit bombiges sonniges Wetter. Dort machten sie auch ihre ersten Erfahrungen mit dem in Irland immer noch gepflegten Linksverkehr. Dafür stand ihnen der hier abgebildete Schwedenpanzer zur Verfügung. Onkelchen gelang es, ihn ohne einen Kratzer über die mitunter doch recht engen und oft durch Hecken und Mauern abgegrenzten irischen Straßen zu bugsieren. Tante Dilein genoss indes die Rolle der Beifahrerin und Navigatorin. "Links fahren!" war eine außerordentlich oft gehörte Warnung. Und auch das scharfe Einziehen der Luft, wenn Onkelchen mal wieder zu weit links zu fahren drohte.


Einmal in Irland angekommen, ließen sich die beiden es sich nicht nehmen, die Schönheiten der Landschaft - und des Landlebens - eingehend zu studieren. Dazu besuchten sie eine Landwirtschaftsausstellung mit angeschlossener Milchviehprämierung. Im Allgäu sagt man ja manchmal, dort seien die Kühe schöner als die Mädchen. Dieses Bild zeigt deutlich: In Irland herrscht da eher Gleichstand - hübsche Kuh, hübsches Girl!

 
Wie in allen geraden Jahren waren auch wieder die Römertage Pflichtprogramm. Hier sehen wir eine Patrouille, die auf dem Festgelände nach dem Rechten sieht. Unmittelbar bevor Onkelchen in seinen beinahe schon traditionellen Ruf ausbrach: "Römer! Ganz frische Römer! Lasst sie mir!"


Der diesjährige Sommer war dagegen insgesamt eher mau. Aber mit einem Spaghetti-Eis ließen sich auch trübe Tage ganz gut ertragen.


Bei einem Besuch in Erfurt kamen Onkelchen und Tante Dilein an einem sehr interessanten Gasthof vorbei. Leider war die Kneipe zu dieser Tageszeit noch nicht offen. Ich hätte zu gerne einen roten Elefanten kennengelernt.


Apropos Elefant - bei diesem merkwürdigen Gemälde, das in der Aachener Domschatzkammer aufbewahrt wird, ist im Hintergrund eindeutig ein Elefant zu erkennen. Was mag sich der Künstler gedacht haben, dieses Werk, auf dem der Schmerzensmann der Muttergottes begegnet, mit einem Elefanten auszustatten? Guten Geschmack hat er damit jedenfalls bewiesen, finde ich. In Aachen besuchten Onkelchen und Tante Dilein zusammen mit ihrer Freundin Luzie einige Ausstellungen über Karl den Großen, der heuer seinen 1200. Todestag begehen konnte. Für Onkelchen und Tante Dilein wurde es eine ganz besondere Reise in die Vergangenheit, denn sie trafen dort einige ihrer ehemaligen Lehrer, die sich justament zur selben Zeit dort aufhielten. Onkelchen kriegte da wieder ein ganz schlechtes Gewissen ob der vielen Streiche, die er den Paukern damals gespielt hatte. Über das Wiedersehen mit Tante Dilein freuten sich die Pauker dagegen ausnahmslos. An ihren ehemaligen Englischlehrer pirschte sich Tante Dilein sogar ganz nahe ran. Als der sich umdrehte, rief er ganz verdutzt Tante Dileins Namen aus und umarmte sie. Und das alles im Aachener Dom! Onkelchen ließ es sich dagegen nicht nehmen, in der Aachener Domschatzkammer zu fragen, wo denn die Bundeslade sei. "Nicht hier", bekam er zur Antwort. "Vielleicht suchen Sie im Keller noch mal nach", gab er der verwunderten Museumsdame zurück. Zudem traute er sich in einen antiken Kran und hob damit so mir nichts dir nichts einen Gesteinsbrocken von 200 Kilo Gewicht in die Höhe. Leider existiert davon kein Foto. Tante Dilein war zu verdutzt, um auf den Auslöser zu drücken.

 
Auf der Fahrt nach Aachen kamen beide in Koblenz an diesem Schaufenster vorbei. Für Katzen-Fan Tante Dilein ist jedoch von vornherein klar: Die Katze hat immer recht.


Immerhin fiel der Herbst sehr bunt aus und entschädigte für den trotz WM-Euphorie doch eher trüben Sommer. Es gab endlich wieder Steinpilze (nicht im Bild) und riesengroße Walnüsse.


Und fast schon traditionell ließen die beiden den Vorweihnachtsstress links liegen und verbrachten zehn Tage in ihrem Lieblingshotel in Teneriffa. Welch ein Kontrast zum Winter, der kurz nach Weihnachten Einzug hielt!

In diesem Sinne: Einen guten Rutsch ins neue Jahr 2015! Kommt gut rein und rutscht nicht aus!

Donnerstag, 25. Dezember 2014

Lern deine Flugzeugtypen, Tante Dilein!

Hallo zusammen und fröhliche Weihnacht! Es ist ja schon einige Zeit her, seitdem ich mich zu Wort gemeldet habe. Warum es so lange still um uns gewesen ist?

Ganz einfach: Onkelchen hat den WM-Sieg der deutschen Nationalelf nicht verkraftet. Nachdem er ja sogar mit mathematischen Mitteln argumentiert hat, dass die Deutschen gar nicht gewinnen können, drehten sie ihm eine lange Nase. Und als dann letzten Endes Mario Götze das erlösende Tor schoss, kriegte sich Onkelchen gar nicht mehr ein. Er sprang auf, hüpfte im Zimmer auf und ab und schrie "Götzäääh! Götzäääh! Jaaaah!" Tante Dilein, die neben ihm saß und zeitweilig Händchen halten musste, war zwar auch erfreut, verfiel aber, da ganz Dame, nicht in das Delirium, in den Götzes Treffer mein Onkelchen entrückte. Leider gab es auch Kollateralschäden. Die Katze "Mohrle", die während des Finales friedlich auf dem Sofa pofte, erschrak ob dieses plötzlich hereinbrechenden Pandämoniums so sehr, dass sie nur noch Fluchtgedanken im Kopf hatte. Sie wollte nur noch weg! Leider kriegte sie aber wegen des glatten Laminatbodens keinen Grip unter die Krallen und krachte gegen die Schrankwand. Insofern war es zumindest für die Katzen-Mitbewohnerin Mohrle kein ausschließlich freudiges Ereignis.

In den folgenden Tagen versank Onkelchen in eine Art Delirium.  Deutschlands Titelgewinn schien ihm der endgültige Beweis zu sein, dass wir in ein Paralleluniversum abgedriftet sind - diese These hatten wir ja schon in einem früheren Beitrag vorgestellt. Und Onkelchen versuchte daraufhin dieses empirisch festgestellte Abdriften auch mathematisch zu begründen. Das Ganze muss man sich in etwa so vorstellen:


Onkelchen war also wirklich in keinster Weise mehr zurechnungsfähig. Er schlich zwar zwischenzeitlich immer mal wieder ins Büro, wo es ihm offenbar auch gelang, seine Kollegen  davon zu überzeugen, dass er irgendwas Produktives getan haben könnte. Aber in Wirklichkeit versuchte er nur, seinen Geist um diese Paralleluniversum-Kiste zu wickeln.

Tante Dilein war darob sehr besorgt und wollte ihm was Gutes tun. Also buchte sie Urlaub auf Teneriffa. Onkelchen wollte da natürlich nicht hin, Tante Dilein überzeugte Onkelchen allerdings mit dem Argument, dass es dort ein tolles Sonnenobservatorium gebe. Also willigte er ein, nicht allerdings, ohne noch im Flug komische Formeln vor sich hin zu murmeln. Screcklich, was so ein WM-Sieg mit einem anrichten kann!

Der Urlaub war dann ganz schön. Tante Dilein stellte unser Onkelchen mit einer regelmäßigen Cocktail-Zufuhr ruhig, und so ganz langsam schälte sich wieder sein normales Ich heraus. Tante Dilein und auch ich hatten also im Prinzip allen Grund dazu, wieder optimistisch in die Zukunft sehen zu können.

Wenn da nicht eine Sache gewesen wäre: Als beide auf dem Flugplatz von Teneriffa auf den Rückflug warteten, warf Tante Dilein ein, dass sie vielleicht mit dem Bus übers Vorfeld fahren müssten, um den Flieger zu erreichen.

"Wieso", meinte Onkelchen. "Der hat doch da vorne am Flugsteig gerade angedockt".
Tante Dilein merkte aber an, dass gerade eine andere Maschine derselben Gesellschaft gelandet sei und auf eine Parkposition auf dem Vorfeld zusteiuerte.

Onkelchen brach daraufhin in eine furchtbare Tirade aus. "Das ist ein Airbus A320 und unser Flugzeug ist eine Boeing 757-300. Lern mal endlich deine Flugzeugtypen!"

Tante Dilein grinste. Onkelchen war wieder der alte. Und dass er kurz nach dem Einsteigen noch die Erlaubnis bekam, sich im Cockpit etwas umzusehen, dürfte seine Heilung ebenfalls unterstützt haben.

Gut, Peter Neururer wird wahrscheinlich nicht mehr Bundestrainer. Aber man kann ja auch nicht alles haben.

Sonntag, 13. Juli 2014

WM-Blog: Die hohe Kunst des Durchwurschtelns

Nach dem Ende fast jedes großen Fußballturniers - WM oder EM - wägen weise Medienmenschen ab, ob der frischgebackene Titelträger denn auch ein würdiger Welt- oder Europameister sei. Da wird dann mehr oder weniger objektiv betrachtet, wie konstant die Mannschaftsleistung ausfiel und ob das System des Titelträgers allen Anforderungen an das, was man modernen Fußball nennt, denn auch standhält. Fast immer kommen die Experten dann aber doch zu dem Schluss, dass die siegreiche Mannschaft XY letztlich doch ein "würdiger" Welt- oder Europameister sei und den Titel verdient errungen habe.

Es gibt aber Ausnahmen. Noch heute gilt der Europameisterschaftssieg der Griechen im Jahr 2004 als Betriebsunfall - wenn man die einschlägigen Fachmedien studiert. Denn die Griechen erdreisteten sich bekanntermaßen, mit einer defensiv ausgerichteten Taktik und einem Libero (Unerhört!) ins Turnier zu gehen und auch zu gewinnen. Vor allem Fans der berühmten "Goldenen Generation" Portugals sind auf die Hellenen nicht gut zu sprechen, da sie den Mannen um Luis Figo und den jungen Cristiano Ronaldo eine lange Nase drehten - und zwar gleich zweimal, denn sowohl im Eröffnungsspiel als auch im Finale siegten die Griechen.

Vor allem im Vorfend eines WM-Finales greift immer wieder die Angst um sich, es könne eine Mannschaft gewinnen, die sich - Gott behüte - bis dahin durchs Turnier gewurschtelt hat. Vor allem die deutsche Mannschaft gilt als Spezialist in dieser Disziplin. 2002 etwa fand das damals von Rudi Völler gecoachte Team nach der Gruppenphase über die Stationen Paraguay, USA und Südkorea den Weg ins Endspiel und gewann dabei jeweils mit einem schmucklosen 1-0. Dabei sorgte vor allem Oliver Kahn dafür sorgte, dass der Kasten hinten sauber blieb. Nach dem verlorenen Finale schrieb so mancher Journalist, für den Weltfußball sei es wohl besser, dass Brasilien gewonnen habe. Denn der Stil der deutschen Mannschaft, die damals den Ruf einer soliden Handwerkertruppe hatte, galt nach Meinung der Meinung machenden Fußball- Feingeister als keineswegs nachahmenswert.

Nur: Hätte Deutschland damals das Finale tatsächlich gewonnen (was trotz der Sperre gegen Michael Ballack durchaus im Bereich des Möglichen lag), dann wäre die Völler-Elf ein genauso legitimer Weltmeister gewesen wie 1998 die Franzosen und 1994 die Brasilianer. Denn bei den Franzosen 1998 war auch nicht alles Gold, was glänzte: Zidane handelte sich in der Vorrunde einen Platzverweis ein, im Achtelfinale gewannen die Bleus durch Golden Goal gegen Paraguay und das Viertelfinale gegen Italien verlief sogar komplett torlos, so dass das Elfmeterschießen entscheiden musste. Fußballerischer Glanz sieht anders aus. Im Halbfinale ging Kroatien, das die Deutschen zuvor verdientermaßen rausgeworfen hatte, sogar in Führung, und Laurent Blanc handelte sich einen Platzverweis ein. Fußballerischer Glanz sieht anders aus. Immerhin gelang den Franzosen dann aber ein überzeugender Endspielsieg über die Brasilianer. Die wiederum holten 1994 den Titel vor allem aufgrund ihres Elfmeterglücks über die Italiener. Die hingegen hatten 2006 dasselbe Glück auf ihrer Seite.

Was heißt das für das heutige Endspiel? Es ist vollkommen egal, wie eine Mannschaft ins Finale gekommen ist. Sobald das Endspiel angepfiffen wird, sind die Karten neu gemischt. Niemand kann sich für die Viertel- oder Halbfinalergebnisse etwas kaufen. Auch eine Mannschaft, die wie Argentinien 1990 ihren Finaleinzug vor allem ihrem Elfmetertöter Sergio Goycoechea zu verdanken hat, ist ein legitimer Titelkandidat (Argentinien hatte die Vorrundengruppe nur als Dritter beendet - im 24er-Feld war auch den vier besten Gruppendritten ein Weiterkommen möglich - und musste sowohl im Viertel- als auch im Halbfinale ins Elfmeterschießen gehen).

Wer also Argentinien aufgrund der eher unspektakulären Auftritte in den Zwischenrunden unterschätzt, der könnte heute sein blaues Wunder erleben.

Freitag, 11. Juli 2014

WM-Blog: Onkelchen beginnt zu hoffen!

Argentinien hat zwei Trümpfe: Papst Franziskus und meinen missratenen Sohn Gianni Dona.

Die Tatsache, dass wir schon seit einigen Tagen nichts von uns hören ließen, hat damit zu tun, dass Onkelchen in einer Bude an einer irischen Steilküste festsitzt, wo es weder Strom noch Zentralheizung geben soll. Internet gibt es dort selbstredend auch nicht, und so erhielt er von den letzten Heldentaten der deutschen Elf in Brasilien nur das Fernsehen in den irischen Pubs Kenntnis. Nun muss man sich die irische TV-Berichterstattung über die WM ganz anders als in Deutschland vorstellen. Da gibt es kein stundenlanges Vorgeplänkel, bei dem die Formkurve der Nationalelf und des jeweiligen Gegners in fetzigen Filmberichten erörtert wird, da sieht man auch keine ZDF-Reporterinnen, die zusammen mit einem deutschen Spieler die Füße in den Pool hängen, sondern ein in Ehren ergrauter Moderator sitzt drei irischen Altinternationalen gegenüber (die Betonung liegt auf "Alt"), und die Gesprächsrunde gibt vor dem Spiel, in der Pause und nach der Partie ihre Erwartungen und Eindrücke ab. Das Ganze hat was von Waldorf & Stettler aus der Muppet-Show, weil alle drei Altinternationalen keine Gelegenheit ungenutzt lassen, um ex cathedra zu erklären, wie grauenvoll doch das ganze Spiel sei und dass früher alles viel, viel, viel besser war.

Onkelchen haut ja gelegentlich in dieselbe Kerbe. Allerdings hat er sich seit dem Achtelfinale nicht mehr zu Wort gemeldet. "Was ist bloß mit ihm los?", dachten wir uns. Hat er vor lauter Guinness und irischem Whiskey seine Lästerzunge verschluckt? Nein, die Antwort ist viel simpler. "Du beginnst zu hoffen", sagte Tante Dilein nach dem Viertelfinale gegen Frankreich zu ihm. Zu hoffen, dass Deutschland eventuell doch wieder mal den ganz großen Wurf landen kann. Und wenn das nun unter der Ägide des von Onkelchen viel geschmähten Jogi Löw passieren sollte, ist das auch egal - Hauptsache, die Jungs bringen den Cup aus Brasilien mit.  

Leider muss dafür aber noch das Finale gespielt werden. Und der Gegner ist ausgerechnet Argentinien, also das Land, zu dem mein missratener Sohn Gianni Dona hält. An Argentinien knüpfen sich für Onkelchen ganz unterschiedliche Erinnerungen - so zum Beispiel das WM-Finale 1986, in dem Deutschland einen Zwei-Tore-Rückstand aufholte, um dann trotzdem zu verlieren, oder das Endspiel von Rom vier Jahre später, in dem die Südamerikaner von Anfang an darauf bedacht waren, sich ins Elfmeterschießen durchzuwurschteln. Ironischerweise war es ein Strafstoß, der diesem Treiben ein Ende setzte - aber der von Andreas Brehme kernig ins linke untere Eck gesetzte Schuss fiel eben noch in der regulären Spielzeit. Scheinbar haben die Argies es den Deutschen nie verziehen, dass der Elfer eine - seien wir höflich - Konzessionsentscheidung des mexikanischen Schiedsrichters Edgardo Codesal Mendez war. Codesal hatte der fröhlichen Treterei der Argentinier lange zu- und dabei ein elfmeterreifes Foul übersehen und dann kurz vor Schluss eine Schwalbe - meiner Erinnerung nach von Völler - mit einem Elfer belohnt. Vielleicht wollte der Schiri einfach zeitig nach Hause. Aber viele Argentinier sind wegen dieser Schwalbe eben bis heute sauer auf die Deutschen. Dabei war es ja der Mexikaner, der den Elfmeter pfiff. Aber im nationalen Überschwang geht die Sicht auf die Details einfach manchmal verloren.

Auch bei Onkelchen war vier Jahre zuvor die scharfe Sicht auf die Details nach dem verlorenen Finale etwas verloren gegangen. Er befand sich damals auf einer humanistischen Klassenfahrt in der alten Kaiserstadt Trier und hatte das Endspiel mit seinen Freunden in einer dubiosen Spelunke geguckt. Die Bildröhre des Fernsehers in der Spelunke hatte einen kapitalen Rotstich, so dass es aussah, als werde das Azteken-Stadion in Mexico City nicht nur von der heißen Sonne, sondern von einem überdimensionalen medizinischen Infrarotstrahler illuminiert. Nach der Niederlage wollten Onkelchen und seine Kollegen in einem argentinischen Steakhaus in der Trierer Innenstadt noch ihren Frust rauslassen und etwas randalieren. Sie taten es dann aber doch nicht. Vielleicht war das auch ganz gut so. Denn einer der damals Beteiligten ist heute katholischer Priester, und der Papst wäre über diese Episode mit ziemlicher Sicherheit not amused.
   
Doch wie stehen denn nun die Chancen der deutschen Mannschaft im Finale? Gut, Argentinien hat Messi. Aber was ist schon ein Messi gegen Deutschlands gut geölte Pass- und Ballkontrollmaschine, deren Torhunger selbst Gastgeber Brasilien nicht widerstehen konnte? Vieles scheint im Vorfeld des Endspiels tatsächlich auf die deutsche Mannschaft hinzudeuten. So etwa die Tatsache, dass Argentinien einen tag weniger Erholungszeit hatte und sich im Halbfinale noch durch eine Verlängerung und ein Elfmeterschießen schleppen musste. Aber solche Äußerlichkeiten können täuschen. Wirklich unanfechtbar ist nur die Mathematik. Und da sieht es gerade für die deutsche Mannschaft traurig aus.

Denn die bisherigen WM-Endspiele, in denen die deutsche Elf siegreich blieb, wurden alle mit einem Tor Differenz gewonnen. Es ergibt sich folgende Folge:

3-2 (1954 in Bern)
2-1 (1974 in München)
1-0 (1990 in Rom)

Seht ihr das Problem? Deutschland kann nicht mehr gewinnen, da es in jedem erfolgreichen Endspiel jeweils ein Tor weniger erzielt hat als zuvor. Deutschland müsste 0 zu -1 spielen, damit die Folge aufrecht erhalten werden kann. Damit Deutschland gewinnen kann, müssen wir also eine ganz neue Art der Fußballmathematik erfinden.

Und dazu haben wir nur bis Sonntag Zeit. Die Mathematiker sollten sich besser mal ranhalten.  

Donnerstag, 3. Juli 2014

WM-Blog: Ein Plan muss her!

Das Achtelfinale gegen Algerien hat uns alle um eine Erkenntnis bereichert, und zwar, dass Onkelchen zwar vom Ergebnis her nicht recht hatte (er hatte ja stocksteif das Ausscheiden der deutschen Elf prognostiziert), aber dass er durchaus viele Dinge richtig gesehen hat, zum Beispiel die Anfälligkeit der deutschen Hintermannschaft gegen Konter. Ohne den vom Kicker zum "Nobelpreis-Neuer" stilisierten Nationaltorwart wäre die Sache auch definitiv in die Hose gegangen. Nun geht es wieder einmal gegen Frankreich und die Ungewissheit wächst. Kann sich Deutschland nach dem - nun ja, mühsamen - 2:1 gegen Algerien wieder so weit aufraffen, dass es wenigstens für das Halbfinale reicht? Oder war es das jetzt endgültig und wir sollten unsere Fahnen so langsam einrollen?

Onkelchen ist dieser Frage ausgewichen. Zumindest räumlich. Er sitzt in einem Landhaus an der Südküste Irlands, wo er offiziell seine beiden noch ausstehenden Romane fertigschreiben will (Ha! Wer's glaubt!). Da aber auch hier die WM-Spiele zu empfangen sind, kann er sich der immer unerträglicheren Spannung dieser WM-Schlussphase nicht entziehen. Er hat deswegen gleich zwei Thesen anzubieten, wie das Spiel gegen Algerien zu bewerten ist. Je nachdem, welche dieser Thesen zutrifft, kann man die Chancen der deutschen Mannschaft gegen Frankreich einordnen.

1. These: Das Algerien-Spiel war der Offenbarungseid der Nationalmannschaft. Nach dem ermutigenden Spiel gegen Portugal zu Beginn ist das deutsche Team in den alten Schlendrian zurückverfallen und hatte lediglich Glück, dass bis jetzt keine Mannschaft den entscheidenden Punch setzen konnte. Das Algerien-Spiel zeigt: Bundestrainer Löw hat nicht nur keinen Plan, sondern er hält auch noch dazu unbelehrbarerweise an hanebüchenen taktischen Entscheidungen fest (Vier Innenverteidiger! Lahm im defensiven Mittelfeld! Kein echter Stürmer!). Die unvermeidliche Folge wird eine krachende Niederlage gegen Frankreich, das Ausscheiden im Viertelfinale und hoffentlich Löws Demission sein. Für diesen Fall dürfen wir festhalten: Selbst mit einem Peter Neururer als Cheftrainer wäre die deutsche Elf besser gefahren.

2. These: Algerien war im Hinblick auf die Situation der deutschen Mannschaft der denkbar schwerste Achtelfinalgegner. Zum einen, weil sich die Mannschaft sehr geschickt auf die deutsche Spielweise eingestellt hatte, zum zweiten weil die Algerier aufgrund der alten Geschichte von Gijon 1982 so richtig heiß auf die Deutschen waren, zum dritten weil die deutsche Elf zumindest in der ersten Hälfte durchaus durch die Angst vor dem Verlieren gehemmt war, und zum Vierten, weil nordafrikanische Mannschaften den Deutschen noch nie lagen. Jedesmal, wenn es in WM-Turnieren gegen Marokkaner, Algerier und/oder Tunesier ging, waren die Spiele eng und mühsam, die Deutschen gewannen nur mit Glück, wenn überhaupt. Frankreich ist in diesem Sinne ein dankbarerer Gegner, auch deshalb, weil Deutschland auch dann gewinnen konnte, wenn die Franzosen die spielerisch eindeutig besser besetzte Mannschaft waren. Insofern wäre für das morgige Viertelfinale noch nicht alles verloren.

Unabhängig davon bleibt aber die Frage: Hat Löw einen Plan? Und wenn ja, ist es der richtige? Insgesamt machte das deutsche Team in Brasilien manchmal den Eindruck, als habe man sich zwar fleißig und intensiv auf das Turnier vorbereitet, dabei aber die falschen Prüfungsthemen studiert. Und jetzt hilft nur noch Improvisation. Die sportliche Heeresleitung will aber nicht wahrhaben, dass man die falschen Antworten im Gepäck hat und ist keinesfalls zum Umlernen bereit, oder bestenfalls in Nuancen. Ob das gegen Frankreich reicht? 

Auch die glorreiche Vergangenheit taugt nicht unbedingt als Vorbild: 1982 war Deutschland den Franzosen zwar spielerisch unterlegen, aber einige famose Einzelleistungen (Pierre Littbarski! Klaus Fischer!), Ausdauer und Wille sowie erschröckliche Abwehrschwächen auf Seiten der Equipe Tricolore (und die besseren Elfmeterschützen) brachten Deutschland damals ins Finale. 1986 konnte dann der französische Torwart Bats, zwei Jahre zuvor noch Europameister, einen Brehme-Freistoß nicht festhalten und die Franzosen mussten 81 Minuten lang einem glücklichen deutschen Führungstreffer hinterher rennen. Toni Schumacher machte damals sein wohl bestes Spiel im Nationaltrikot. Und dann rollte Rudi Nazionale kurz vor Schluss noch einen Kullerball über die französische Torlinie... Es ist kaum zu glauben, dass sich Löw und Co. diese glückliche Fügung zum Vorbild nehmen werden.

Bleibt also festzuhalten: Deutschland braucht einen Plan! Vielleicht nicht gerade der Schlieffenplan von anno 1914, der zwar einen von einem starken rechten Flügel ausging (Lahm auf rechts!), aber trotzdem schiefging. Wollen mal sehen, ob Löw einen hat.  

Montag, 30. Juni 2014

WM-Blog: Warum Deutschland heute verliert

Wer diesen Blog und vor allem Onkelchens messerscharfe Analysen kennt, der weiß auch um das stets wiederkehrende Motiv seiner Ergüsse: Deutschland verliert, scheidet aus, müsste eigentlich schon längst auf dem Weg nachhause sein. Aber warum ist das so? Also habe ich mich an Onkelchen gewandt und ich frage ihn jetzt: Warum sollte Deutschland heute nach dem Achtelfinale gegen Algerien heute die Koffer packen müssen?
Zwei Worte: Historische Gerechtigkeit.
Ach, nur wegen dieser alten Geschichte von vor über 30 Jahren, an die sich heute kein Schland-Fan (und auch keine Fanin) mehr erinnern kann?
Für uns mag das eine alte Geschichte sein. Für die Algerier, die längst nicht so geschichtsvergessen sind wie wir, ist diese Sache nach wie vor präsent. Die Algerier erinnern sich noch sehr gut daran, dass sie seinerzeit von den Deutschen und Österreichern um das Weiterkommen gebracht wurden. Die werden heiß sein, das verspreche ich Dir. Heiß und bis unter die Haarspitzen motiviert.
Wie hast Du seinerzeit denn diese Sache erlebt?
Ich muss da vorausschicken, dass ich mich seinerzeit unglaublich auf die WM 1982 gefreut hatte. Ich hatte schon die Europameisterschaft 1980 aufmerksam verfolgt und war überzeugt, dass die deutsche Elf jetzt noch einen draufsetzen würde. Die Qualifikationsspiele waren unglaublich erfolgreich verlaufen, ich erinnere mich noch gut an das Qualifikationsspiel gegen die Österreicher in Wien - die waren seinerzeit auch in der deutschen Qualifikationsgruppe drin - bei dem Pierre Littbarski ein glänzendes Nationalmannschafts-ebüt hinlegte. Ich sammelte Klebebilder für mein Duplo-Hanuta-Klebealbum mit der deutschen Nationalmannschaft. Hintendrauf war ein Geleitwort von Bundestrainer Jupp Derwall abgedruckt, der über die Favoritenrolle der deutschen Elf schwadronierte. Ein paar Wochen vor dem Turnieranpfiff gab es sogar im Radio SDR1 eine Sendung - heute würde man das eine Call-In-Show nennen - die unter dem Motto stand: "Deutschland - der Fußballweltmeister im Losen". Die Leute meinten, die Auslosung garantiere den Deutschen mindestens das Halbfinale. Im Ernst: Algerien, Chile, Österreich, in dieser Reihenfolge - was konnte da schief gehen? Die Mannschaft, so der allgemeine Tenor der Anrufer in der Sendung, würde sich von Spiel zu Spiel Schritt für Schritt steigern können, um dann Revanche an den Österreichern für die Niederlage von Cordoba nehmen zu können. Erst dann würde die WM richtig beginnen.Und dann...
...verlor Deutschland gegen Algerien.
Ja! Das war für mich eine Katastrophe. Mein Vater versuchte mich zu trösten, eine Fußballniederlage sei nicht so schlimm, schließlich habe Deutschland ja den Krieg verloren. Der Fußball sei da nur nebensächlich. Tja, da wurden einige Illusionen zerstört, das kann ich dir sagen.

Verstehe. Und dann kam die "Schande von Gijon".
Hör mir doch bitte damit auf. Natürlich war das abschließende Gruppenspiel gegen Österreich furchtbar, aber ich fand die scheinheilige Selbstgerechtigkeit der deutschen Sportreporter weitaus weniger erträglich. Ein Opa namens Rudi Michel, der damals so was wie der Grandseigneur des deutschen Fußballkommentars gewesen sein musste, schwang sich zu einem Kommentar auf und tönte bedeutungsschwer: "Solche Spiele wollen wir nie wieder sehen!" Diese Scheinheiligkeit der Reporter kotzte mich an. Wenn man heute darüber liest, dann wird es meistens so dargestellt, als seien die Deutschen der einzige Schuldige an dieser Peinlichkeit gewesen. Dabei wird immer vergessen, dass die Österreicher genauso sehr von dem Ergebnis profitierten. Und am schlimmsten fand ich, dass nach dem Österreich-Spiel noch ein paar sogenannte deutsche Fußballfans gezeigt wurden, die sich darüber echauffierten, dass "diese sympathische algerische Mannschaft" durch die Schiebung aus dem Wettbewerb gekungelt worden sei. Diese Leute hätten auf Nachfrage keinen einzigen algerischen Fußballspieler beim Namen nennen können, darauf geb ich dir Brief und Siegel.
Wie hast du das Spiel gegen Österreich in Erinnerung?
Nach meiner Erinnerung lief die erste Hälfte noch vergleichsweise normal. Ich kann das nicht bestätigen, dass beide Mannschaften sofort nach Hrubeschs Führungstreffer alle Aktionen eingestellt hätten. Die zweite Hälfte war allerdings schlimm. Ich weiß noch sehr gut, dass ich mich darüber aufregte, dass die Österreicher den Ball ungestört hin- und herspielten und die Deutschen nicht dazwischen gingen. Hätten sie gekonnt, sie wollten aber offenbar nicht.
Und was wird heute Abend passieren?
Die Algerier werden brennen. Sie wissen genau, dass die Deutschen das Spiel schnell entscheiden wollen. Das hat ja Philipp Lahm auch gesagt, sinngemäß. Man wolle das Spiel in 90 Minuten gewinnen. Je länger die Algerier das Spiel offen gestalten können, desto selbstbewusster und mutiger werden sie. Wenn sie deie Deutschen in die Verlängerung oder gar ins Elfmeterschießen ziehen können, dann sind sie wahrscheinlich sogar im Vorteil. Für Deutschland wäre es deshalb überlebenswichtig, möglichst schnell nicht nur eines, sondern am besten sogar zwei Tore zu schießen. Ein Tor reicht gegen die Algerier nicht, das hat man gegen Russland gesehen. Da muss man schnell sein - schnell im Kopf und auf den Beinen, nicht so bräsig wie gegen die Amerikaner. Und das traue ich den Deutschen momentan nicht zu. Zudem sind die unsrigen bei Ballverlusten im Mittelfeld ausgesprochen konteranfällig. Wer erzählt, das Viertelfinale könne auf jeden Fall gebucht werden, leidet für mich unter krassem Realitätsverlust.

Sonntag, 29. Juni 2014

WM-Blog: Wanderer, kommst du nach Chile...

Es war eine epische Schlacht, vergleichbar nur den großen Konflikten der Menschheitsgeschichte. Elf tapfere Chilenen versuchten, den Vormarsch der scheinbar übermächtigen, von 60.000 Fans im Stadion und 200 Millionen Landsleuten unterstützten Brasilianer zu unterbinden. Allein, es gelang nicht. Wie die 300 tapferen Spartiaten an den Thermopylen mussten sich die Chilenen der brasilianischen Übermacht beugen. "Wanderer, kommst du nach Chile", steht es deswegen nun geschrieben (wo genau, wissen wir nicht), "verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl." Und wer an diesem momentan noch virtuellen Gedenkstein vorbeigeht, der von den Taten der tapferen Chilenen kündet, der sollte eine kleine Träne verdrücken und sich fragen, warum, ach warum das große Brasilien, das mit ewig unauslöschlichen Namen wie Pelé, Garrincha, Didi, Vava, Zagallo, Carlos Alberto, Rivelino, Jairzinho, Zico, Socrates, Falcao, Romario, Roberto Carlos, Ronaldo, Ronaldinho und Kakà im Fußball-Pantheon eingeschrieben ist, für diese Heim-WM im Sturm nichts Besseres zu bieten hat als die beiden Herren Fred und Hulk. Selten war ich mit Mehmet Scholl so sehr einer Meinung denn wie in dem Moment, als WM-Spaßvogel Scholli sinngemäß sagte: "Alle rasen auf dem Rasen. Bis auf Fred. Der steht."

Aber schon am Freitag könnte es für die Selecao wirklich ernst werden, denn mit Kolumbien gibt sich die neben den Niederlanden bisher überzeugendste Mannschaft dieser WM ein Stelldichein. Man darf den Kolumbianern wirklich gratulieren, denn sie haben nicht nur den ältesten WM-Teilnehmer aller Zeiten in ihren Reihen (den Ex-Kölner Faryd Mondragon), sondern auch den ältesten Feldspieler, einen Herrn Yepes, und ein veritables Fußball-Genie namens James Rodriguez, dessen Leichtfüßigkeit nur von seiner Treffsicherheit übertroffen wird. Und da er anders als gewisse Uruguayer nicht zu Beißattacken neigt, könnte er den Brasis im Viertelfinale tatsächlich noch die eine oder andere spielerische Unannehmlichkeit bereiten. Onkelchen faselt schon von einem Finale Kolumbien gegen die Niederlande. Mal sehen, ob es dazu kommt!

Denn für Onkelchen ist das Aus der deutschen Mannschaft gegen Algerien ausgemachte Sache. Da beißt die Maus keinen Faden ab, da "isch die Katz da Baum nuff", wie der Schwabe sagt. Da spielt auch eine Rolle, dass das berüchtigte 1-2 der deutschen Nationalmannschaft gegen Algerien bei der WM 1982 für Onkelchen zu den einschneidendsten und tiefgreifendsten WM-Erinnerungen gehört. Damals lautete eine viel zitierte Schlagerzeile "Algerien, Algerien, die schick' mer in die Ferien". Und was passierte? Nicht die Algerier wurden in die Ferien geschickt, sondern eine pomadig auftretende Touristentruppe unterlag gegen aufopferungsvoll rennende und kämpfende Nordafrikaner. Onkelchen konnte das damals vor 32 Jahren allerdings nicht verstehen. Er sah nur, dass da ein paar in grün und weiß gekleidete und größtenteils mit Schnauzbärten bewaffnete Leute der deutschen Elf kräftig in die Suppe spuckten. Das durfte doch nicht sein! Seitdem hat Onkelchen ein Algerien-Trauma weg. Und zwar kein kleines. Und deswegen erwartet er morgen nichts Geringeres als den Untergang der deutschen WM-Hoffnungen. Aber auch darin läge für ihn etwas Positives. Denn dann wäre Joachim Löw wahrscheinlich endgültig nicht mehr zu halten. Und dann käme der Neuanfang mit Peter Neururer.

Onkelchen, träum weiter!

Samstag, 28. Juni 2014

WM-Blog: Wie die Herren Szepan und Kuzorra das Tiki-Taka erfanden

Fußball erhitzt die Gemüter - ganz besonders in WM-Zeiten. Vor allem dann, wenn scheinbar festgefügte Wahrheiten innerhalb weniger Tage über den Haufen geworfen werden. Nicht zuletzt das frühe und spektakuläre Aus der Spanier hat viele echte und selbsternannte Experten dazu bewogen, zu einer Generalabrechnung mit dem Tiki-Taka-Stil der Iberer anzusetzen. Die Ära des grausig langweiligen, von endlosen Ballstaffetten bestimmten Tiki-Taka, so verkündeten sie, sei nunmehr beendet, und sie nickten dazu gravitätisch, grinsten sich aber wahrscheinlich auch ein bisschen ins Fäustchen. Das ist wie nach einem Königsmord im Shakespeare'schen Drama: Ein bisschen Schadenfreude muss erlaubt sein, wenn der einstmals Allmächtige still in seinem Blute liegt. Selbst oder gerade dann, wenn man noch gestern dem (inzwischen toten) König noch unverbrüchliche Treue schwor und ihn in überschwänglichen Hymnen lobte. Der Oberbayer geht an solche Dinge immer mit einem beneidenswerten Pragmatismus heran: Hi is er, a scheene Leich is er, oans, zwoa, gsuffa. Königsmorde muss man feiern.

Aber nicht jeder teilt diese Ansicht. Zu früh werde der Tod des Tiki-Taka verkündet, heißt es in einem Beitrag. Und überhaupt heiße das ja gar nicht Tiki-Taka, der richtige Name für den Stil heiße el toque (die Berührung), und das sei nach wie vor die schwierigste und zugleich edelste Art des Fußballspiels, die nie sterben werde. Spanien habe deswegen verloren, weil man gerade dem Geist dieses wahren el toque untreu geworden sei, weil man das Passspiel nur noch zum Zwecke der Defensive aufgezogen habe.  Und selbst die Deutschen pflegten diesen Stil, zumindest gegen Portugal, und wer etwas anderes zu sehen, zu glauben oder zu schreiben sich traue, der sei ein "Vollidiot". Autsch.

Onkelchen lag ja nach seiner Rückkehr aus Taiwan erst einmal eine Woche mit einer aus Asien mitgebrachten Grippe flach und konnte sich deshalb nicht wie gewohnt in die Fußball-Feuilletondiskussionen einschalten, die im Cyberspace hin und her wogen. Deswegen wundert ihn die Schärfe, mit der hier diskutiert wird. Wenn Deutsche diskutieren, geht es ja immer ums Prinzip. Entweder oder - etwas anderes geht nicht. Onkelchen tendiert dagegen immer mehr zu einem Ausgleich zwischen den Extremen - es scheint, dass seine Asienerfahrungen immer stärker auf seine Persönlichkeit abfärben.

Insofern kann sich Onkelchen gerne auf folgende Formel einlassen: Egal ob das Gebilde nun Tiki-Taka oder el toque heißt, das Ganze ist überaus ansehnlich, wenn es von Spitzenkräften gespielt wird, die dabei den Zug zum Tor nicht vergessen. Ungefähr wie Bach. Wenn aber die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr von Ramsenstrut das "Musikalische Opfer" von Bach zu spielen versucht, beginnt die Kleinteiligkeit des großen Eisenachers bestimmt irgendwann zu nerven. Das Gleiche gilt, wenn das spanische Nationalteam nicht mehr auf der Höhe seiner Kunst steht. Dann ist es gut, wenn in der Gestalt der einstmals spanischen Niederlande und der Chilenen bereits die Rächer auf den Plan treten, die den Dolch im Gewande tragen.

Und überhaupt muss man sich fragen, ob die Wiege des toque oder des Tiki-Taka denn nun wirklich in Spanien bzw. Katalonien stand. Onkelchen vermutet eher, dass die Herren Szepan und Kuzorra als geistige Vorfahren von Xavi und Iniesta gelten können. Denn der Schalker Kreisel der 30er und 40er Jahre war laut Wikipedia "ein Passspiel mit direkten kurzen Pässen (...) Charakteristisch für diese Form des Zusammenspiels war das aktive Freilaufen der nichtballführenden Mitspieler, um dem Ballbesitzenden permanent mehrere Anspielstationen zu bieten und so den Ball förmlich in das Tor des Gegners zu tragen mit dem Ideal, alle Gegner ausgespielt zu haben. Dadurch konnte es allerdings auch geschehen, dass die Schalker bei aller Überlegenheit und Eleganz „vergaßen“, Tore zu schießen, und die Zielstrebigkeit vermissen ließen."

Scheint ganz so, als ob dem Ernst Kuzorra seine Frau mit dem wahren Erfinder dieses Fußball-Spielstils verheiratet gewesen war.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Hüftenkreiseln auf taiwanisch und malaysisch

Ich werde immer wieder (na ja, ein- oder zweimal) gefragt, ob Onkelchen nicht auch deshalb immer wieder nach Taiwan fährt, weil er dort unten was laufen hat. Nicht wahr, mit einer zarten Lotosblüte, die ihn mit ihren braunen Mandelaugen immer wieder anschmachtet, mit HbzA (Haaren bis zum A....), vielleicht sogar mit roten Haaren (OK, es gibt nicht viele Asiatinnen, die von Natur aus rote Haare haben, aber man kann ja mit gewissen Kosmetikprodukten nachhelfen)?

Und immer, wenn ich das gefragt werde, muss ich verneinen. Es gibt gute Gründe, die gegen eine solche wie auch immer geartete Fernbeziehung sprechen. Zuallererst, weil er Tante Dilein wirklich liebt (Doch, Doch! Er kann das nur nicht immer so zeigen!). Dann, weil er eher dem kräftigeren Frauentyp zuneigt, der im Fernen Osten eher dünner gesät als hier in der westlichen Hemisphäre. Würde man ihm Lucy Liu, die in der modernen Sherlock-Holmes-Serie "Elementary" die Assistentin Watson spielt, oder Melissa McCarthy, die unter anderem aus der Sitcom "Mike & Molly" bekannt ist, zur Auswahl stellen, dann würde sich Onkelchen immer für die üppige Melissa McCarthy entscheiden. Jaja, Deutscher Wein und Deutsche Treue, deutsches Weib und deutscher Sang, wie es so oder ähnlich in der glücklicherweise verbotenen Gaga-Strophe des Deutschlandliedes heißt - Onkelchen weiß durchaus, was er daran hat.

Und drittens ist Onkelchen ja auch jemand, der auf das Ende blickt. Es ist ja nicht auszuschließen, dass aus einer einstmals zarten Lotosblüte nach Jahren und Jahrzehnten etwas erwächst, das wie die rabiate Mao-Witwe Qiang Qing aussieht und ebensolche Allmachtsphantasien entwickelt. Da kann man nur vor Reißaus nehmen.

Da er heute seinen letzten Abend seiner diesjährigen Taiwantour verbracht hatte, lud ihn sein ortsansässiger Kollege in eine Musikkneipe ein. Einer der Sänger, den das Haus aufgeboten hatte, verbrachte die meiste Zeit seines Auftritts damit, zwei Damen - eine aus Taiwan, die andere aus Malaysia - auf die Bühne zu bitten und dort auf das Kommando "Go Taiwan!" "Go Malaysia!" mit den Hüften wackeln zu lassen. Wenn der Sänger nun sagte "Go Taiwan", dann musste die Taiwanerin wackeln, wenn er die Parole "Go Malaysia" ausgab, dann war die Malaiin mit dem Hüftenkreiseln dran. Zwischenzeitlich ließ der Sänger auch noch jemand aus dem Publikum (glücklicherweise nicht Onkelchen) die Kommandos geben. So kriegt man die Zeit auch rum, dachte Onkelchen.

Während nun der Sänger die beiden Damen kreiseln ließ, spielte sich vor der Türe der Musikkneipe so etwas wie ein kleines Drama ab. Ein Pärchen junger Menschen, das Onkelchen sofort (wegen des ordentlich-adretten Haarschnitts des jungen Mannes und der verkniffenen Biestigkeit seiner weiblichen Begleitung) sofort als Deutsche identifiziert hatte, überlegte wohl, ob sie reingehen sollten. Einer vom Bedienpersonal ging zu ihnen raus und verlangte wohl Eintritt. Und während der junge Mann noch einigermaßen unschlüssig vor der Türe stand, sprach der Blick der Dame Bände. Er sagte nämlich: "Hier geh ich nicht rein!" Vielleicht hatte sie ja auch echt taiwanische Volksmusik erwartet. Der Sänger sang dagegen gut gelaunt Sachen von R.E.M. und James Blunt.

Man kann es eben nicht allen recht machen.    

Mittwoch, 18. Juni 2014

Wie Buddha in den Suppenkessel sprang

Eigentlich sollte man annehmen, dass Onkelchen nach mittlerweile drei Taiwan-Reisen in ebenso vielen Jahren nichts mehr so richtig überraschen kann. Und richtig: Auf seiner inzwischen vierten Tour in das Inselreich hat er kein Problem mehr damit, wenn er in einer Garküche gesottene Schweinehufe in einem Kochtopf erblickt. Er nimmt es halt stoisch hin. Der Ferne Osten ist einfach eine Generalattacke auf alle Sinne, ganz besonders auf das Sehen, Schmecken und Riechen. Darauf, das ist Onkelchens Philosophioe, muss man sich als Besucher einfach einlassen. Aber auf eine Sache war er nun wirklich nicht vorbereitet, und das ist der Stinketofu.

Onkelchen ist ja eher einer von den Leuten, die bei Tofu generell das Prinzip "Leben und Leben lassen" bevorzugen. Will sagen: Sollte Onkelchen mal im Supermarktregal ein Stück Tofu finden, dann wird er es dort auch liegenlassen. Das ist im Großen und Ganzen ein gutes Arrangement.

Im Fernen Osten, vor allem aber in Taiwan, gibt es nun eine fermentierte Abart dieses Lebensmittels, die im Deutschen als "Stinketofu" im Englischen als "stinky tofu" bezeichnet wird. Bei seinen bisherigen Abenteuern in Taiwan hatte er das Zeugs noch nie gesehen geschweige denn gerochen. Lediglich in einem Buch einer deutschen Sinologin, die über ihren einjährigen Aufenthalt als Gaststudentin in Taiwan berichtet, stolperte Onkelchen ab und an über das Zeug.

Als Onkelchen aber nun am vergangenen Montag mit seinem Kumpel durch die alte Goldgräberstadt Jiufen schlenderte, drang ihm aus einer Garküche ein Duft in die Nase, bei dem es sich um gar nichts Anderes handeln konnte. Das Ganze roch, als hätte Onkelchen seine beiden Füße ein Jahr lang nicht gewaschen, dann die Hornhaut abgeraspelt, das Raspelzeug eingedickt.und schließlich gekocht. Ich will nicht sagen, dass der Geruch unerträglich ist, aber er setzt sich im Riechkolben fest. Noch Stunden danach hatte Onkelchen den Gestank in der Nase. Kein Wunder, dass Onkelchen davon absah, eine Probe mit nach Hause zu nehmen. Es wäre ihm wahrscheinlich so ergangen wie dem Mann, der in einer Kölner Mietwohnung eine Dose geöffnet hatte, die die schwedische Fischspezialität Surströmming  enthielt. Jenem Herrn, so besagt es wenigstens die urbane Legende, soll der Vermieter fristlos die Wohnung gekündigt haben. Denn der Gestank des fermentierten Dosenfischs, der eine so starke Gasentwicklung aufweist, dass sich nicht selten der Dosendeckel wölbt, war nicht mehr aus der Bude herauszubekommen.

Wie die urbane Legende weiter erzählt, soll der wenig einsichtige Liebhaber der traditionellen schwedischen Küche gegen die Kündigung geklagt haben. Die Argumente wurden ausgetauscht, und schließlich verlangte der Richter, der sich ein Urteil über die Geruchsbelästigung bilden wollte, dass im Gerichtssaal eine solche Fischdose geöffnet würde. Kaum war der erste Schwall des Geruches durch den Saal gewabert, soll der Richter die Kündigung augenblicklich bestätigt haben.

Deshalb hat Onkelchen auch kein Bild des Stinketofus aufgenommen. Er konnte einfach nicht lange genug an der Garküche stehen bleiben, um mit der Kamera ein ordentliches Bild des Tofus zu schießen. Unter Kennern ist es ja strittig, ob der Stinketofu als Lebensmittel oder als biologische Waffe erfunden wurde.

Weitaus angenehmer nahm sich dagegen die Suppe aus, die Onkelchen heute Abend in einem traditionellen taiwanischen All-You-Can-Eat-Local genießen durfte. Nach Auskunft seines Kumpels handelt es sich dabei um eine Suppe, bei der einstmals sogar Buddha selbst schwach geworden sein soll. Der Name der Suppe soll sich mit "Buddha springt in den Kessel" ins Deutsche übersetzen lassen. Der Sage nach soll nämlich Buddha auf einer Reise der Geruch dieser Suppe in die Nase gestiegen sein, und als er die Frau sah, die in dem Suppenkessel rührte, soll der Erleuchtete mitten rein gesprungen sein - und das, obwohl Buddha Vegetarier war. Denn es war klar zu sehen, dass in der Suppe zahlreiche Fleischstücke schwammen.

Nun konnte Onkelchen also auch diese Suppe probieren, und er fand sie großartig. Das, obwohl die einzige Zutat, die er sicher identifizieren konnte, eine Esskastanie war. Aber natürlich schwammen auch diesmal viele fleischige Elemente in der Brühe herum, unter anderem sogar eines mit Knochen.

Diese Suppe hatte sich Onkelchen auch wahrlich verdient, da er den Tag über brav auf einer obskuren Elektronikmesse in Taipei durchgehalten hatte. Dann und wann latschte er mal übers Gelände und suchte den einen oder anderen Aussteller heim, dem er dann komische Fragen stellte. Einige verstanden seine komischen, auf Englisch gestellten Fragen, andere nicht. Letztere dürften sich dann sicherlich wundern, falls sie jemals die Artikel zu Gesichte kriegen, die Onkelchen über die Messe schreiben will.

Kurioserweise waren nicht mal alle Stände der Messe besetzt. Am Stand neben dem von Onkelchens taiwanischer Partneragentur lagen lediglich die Bestelllisten obskurer Food-Bringdienste auf.
Und zwei Stände weiter in die andere Richtung war in unregelmäßigen Abständen ein Hupfdohlen-Trio zugange, das unter den Klängen chinesischer Kaugummi-Popmusik das Publikum dazu animieren sollte, an komischen Gewinnspielen teilzunehmen. Die beiden gestiefelten Kätzchen links und rechts hatten dabei nicht viel mehr zu tun als hin und wieder einen Ausfallschritt zu machen, mit dem Finger zur Decke zu zeigen und einen Cheerleader-artigen Urlaut auszustoßen. Die mittlere war dagegen ständig mikrofonverstärkt am Quasseln und warf Trostpreise unters Volk.
Wofür die drei Grazien aber nun letztlich werben, konnte Onkelchen bisher nicht herausfinden. Der Ferne Osten behält also weiter das eine oder andere Geheimnis.

Montag, 16. Juni 2014

Taiwans Wilder Westen

Tja, liebe Leute - das hatte sich Onkelchen anders vorgestellt. Anstelle in Brasilien verbringt er jetzt die spannende WM-Zeit in Taiwan. Das Klima - heiß und feucht - ist zwar ganz ähnlich wie in Südamerika, aber ansonsten gibt es da schon gewaltige Unterschiede. Immerhin ist Onkelchen heute nicht in der feuchtschwülen Hauptstadt Taipei versackt, sondern mit Leon, einem echten Taiwaner, ein bisschen aufs Land rausgefahren. Und dort hat er folgende Eindrücke mitgebracht:


Nördlich der Hauptstadt Taipei liegt die Hafenstadt Keelung. Diese wird von einer Tempelanlage überragt, zu der dieser prächtige Toraufgang führt. Unter der Kuppel, die wir uns besser gar nicht zu genau anschauen, hängt eine große Glocke, die man gegen eine Gebühr auch mal läuten darf. Laut Leon wurde die Tempelanlage im 20. Jahrhundert unter dem Diktator Chiang Kai-shek errichtet. Das sieht man an der folgenden überlebensgroßen, von zwei Löwenfiguren eingerahmten Statue, die innen begehbar ist. Zu solchen Geschmacksverirrungen waren frühere Jahrhunderte wohl nicht imstande:
Fragt sich bloß, warum sich die beiden sogenannten Löwenfiguren auch noch auf riesenhafte Eier stützen. Onkelchen wollte ja auch mal eine solche Statue von Tante Dilein errichten lassen. Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die Finanzierung wurde das Projekt aber vorerst auf Eis gelegt.
Die gewaltige Statue ist von einem Kreis von übrigen chinesischen Göttern umgeben. Dieser hier ist Onkelchen besonders sympathisch:
Mir hat es eher dieser Kollege angetan. Töro!
Dann ging es weiter zu der alten Goldgräberstadt Jiufen im Ruifang-Distrikt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier Gold gefunden, und wie beim Goldrausch in Kalifornien lockte auch hier das gelbe Metall, Glücksritter, Händler, schräge Gestalten und anderes Gelichter an. Taiwans Wilder Westen sozusagen. Als der Bergbau im 20. Jahrhundert wieder aufgegeben wurde, verfiel auch die Stadt. Erst der Film "Die Stadt der Traurigkeit", der 1989 hier gedreht wurde, begann das Interesse an der Stadt wieder zu erwecken. Am Fuß des Ortes, der sich an einen Berghang schmiegt, befindet sich ein Tempel, der dem vergöttlichten General Guan Yu gewidmet ist.
Hier sitzt der General auf einer Art Thronsessel. Im Inneren des Tempels, in dem es stets nach Räucherstäbchen riecht, nimmt ein Drache ein erfrischendes Bad. Wer in das Becken eine Münze wirft, wird reich werden, heißt es im Volksglauben. Na, dann...
Im eigentlichen Ort Jiufen erinnert eine Marktstraße noch an das Treiben zur Goldgräberzeit. 
  Es gibt Gebäck...
... Stifte und Pinsel für die Kalligraphie...
Katzen in allen Formen und Farben (und um endlich mal mit dem Klischee aufzuräumen: IN TAIWAN WERDEN KEINE KATZEN GEGESSEN! Punktum.)

Es gibt Okarinas...
einen ausgetickten Drachen...
... bei alledem verliert Onkelchen keineswegs den Blick für die Schönheit der Architektur...
... und der Landschaft.
Am Ende des Tages stand eine Teezeremonie, die Onkelchens Kumpel kennerhaft zelebrierte.

Samstag, 14. Juni 2014

Von einem, der auszog, um in Taiwan WM zu gucken

Stellt euch vor, es ist WM, und Onkelchen ist nicht dabei, um zu lästern, seinen Senf abzugeben, das vorzeitige Aus der deutschen Mannschaft an die Wand zu malen, und noch einiges mehr. Und so ist es tatsächlich! Vor vier Jahren wagte er die Prognose:

Sollte Spanien tatsächlich Weltmeister werden, dann - so zeigt die Erfahrung - werden sie in vier Jahren denselben uninspirierten Fußball zeigen wie alle Titelverteidiger und im Niemandsland, das zwischen Vorrunde und Viertelfinale liegt, ausscheiden.

Nachzulesen hier. Und so ist es auch gekommen: Die Spanier, die den Weltfußball seit sechs Jahren beherrschten, wurden demontiert, filetiert, geschlachtet, gedemütigt, und was man sonst noch so an greulichen Vokabeln im Setzkasten hat. Und ausgerechnet jetzt, wo die WM langsam in die Gänge kommt und die deutsche Mannschaft ihrem WM-Stelldichein gegen Cristiano Ronaldo und die restlichen Portugiesen entgegen bibbert, ist Onkelchen nicht da. Er muss wieder mal auf die andere Seite der Weltkugel und in Taiwan nach dem Rechten sehen. Dort hat Fußball leider nicht denselben Stellenwert wie hierzulande, und so ist es fraglich, ob er auf der Insel überhaupt etwas von dem Fußballfest in Brasilien mitbekommt. Leicht erschwerend kommt hinzu, dass die Zeitverschiebung von Brasilien in den Fernen Osten gar seltsame Effekte zeitigt: Wenn die Deutschen am Montag ab 13 Uhr Ortszeit von Christiano Ronaldo & Co. eins übergebraten bekommen - davon geht Onkelchen aus - ist es in Taipei 3 Uhr nachts! Nicht unbedingt die beste Fernsehzeit, aber vielleicht kämpft Onkelchen ja mit dem Jetlag und hat Zeit, die verschiedenen Kanäle danach durchzusuchen, ob irgendwo ein Ball rollt.

Onkelchen hat sogar eine Hymne für diese WM komponiert. Naja, nicht unbedingt für die WM, aber für das Gastgeberland Brasilien. Er war zwar noch nicht dort, hat sich aber mehrfach als Fan der südamerikanischen Lebensart geoutet. Als er noch studierte, an der Uni in Oak-Town, gab es da eine brasilianische Sprachdozentin, der Onkelchen seine erste Begegnung mit einer Caipirinha verdankte. Ich muss ein bisschen weiter ausholen, um den Hintergrund zu erzählen. An Onkelchens Uni gab es so etwas wie ein Lateinamerika-Institut, und daher fand ein reger Austausch zwischen deutschen und lateinamerikanischen Studenten und -innen statt. Onkelchen lernte einen Gaststudenten aus Brasilien kennen und der brachte ihn dann mit seiner Landsfrau zusammen, einer jungen und sehr aparten Dozentin, die für Onkelchen die besagte Caipirinha mixte. Das ist jetzt ungefähr 20 Jahre her, und was aus jener bezaubernden Brasilianerin geworden ist, hat Onkelchen nie erfahren. Und das, obwohl er ihren Namen ab und an mal googelt (Hallo, Frau K.!).

Man muss wissen, dass Brasilianer und auch -innen einfach viel weniger Hemmungen im Umgang miteinander haben. Wo man sich hierzulande eher steif die Hände schüttelt, da wird umarmt man sich in Brasilien gleich und man bekommt das Gefühl, dass man von Anfang an dazu gehört. Ein Gefühl, das durch eine Caipi zur rechten Zeit auch noch wunderbar unterstützt wird.

Und in dieser Stimmung erschuf Onkelchen seine Brasilien-Hymne. Der Text lautete so:

Brasil do Brasil,
und du bist nicht allein,
Brasil do Brasil,
ja dir gehört die Liebe mein.

Ich persönlich finde sie eher peinlich, aber auch manche Peinlichkeit muss der Nachwelt überliefert werden. Insbesondere weiß ich gar nicht, ob die Zeile "Brasil do Brasil" im Portugiesischen überhaupt Sinn ergibt. Aber was man nicht alles so im Caipi-Rausch tut... Ich darf meinen Lesern aber versichern, dass sich alles im Rahmen der Sittsamkeit abgespielt hat und der Austausch streng im Rahmen des Interkulturellen geblieben ist. Allerdings ist es meiner Erinnerung nach nicht bei der einen Caipi geblieben.

Tja, statt Caipi gibts ab morgen für Onkelchen so leckere Sachen wie das Gericht "Drachetigerphönix" (Drache steht für Schlange, Tiger für Katze und Phönix für Huhn, und angeblich gibt es dieses Gericht tatsächlich, aber nicht in Taiwan, sondern in der chinesischen Provinz Kanton). In genau einer Woche will er zwar wieder zuhause sein, aber bis dahin, davon ist er überzeugt, ist die WM für Deutschland gelaufen. Warum? Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Dienstag, 10. Juni 2014

Mein missratener Sohn Gianni Dona ist jetzt schon Weltmeister!


Oder hat er den Pokal nur irgendwo geklaut? Zuzutrauen wär's ihm. Mein missratener Sohn Gianni Dona hält sich ja für die Wiedergeburt eines - meines Wissens immer noch nicht verstorbenen - argentinischen Fußballidols. Als er gestern mit dem Pokal reingewackelt kam, murmelte er immer was von der "Hand Dottes", die ihm das Ding eingebracht haben soll. Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.

Montag, 9. Juni 2014

Willkommen im Paralleluniversum!

An diesem megaheißen Wochenende waren Onkelchen und Tante Dilein in einem kleinen, hier nicht genannten Städtchen beim Einkaufen. Beide wackelten durch die sonnendurchflutete Hauptstraße des Ortes, in dem der Markt stattfand, und betrachteten sich das Angebot an Obst und Gemüse. Denn bei heißem Wetter steht beiden nicht so der Sinn nach Eintopf, sondern eher nach bunten Salaten. Plötzlich gewahrte Onkelchen aus dem Augenwinkel heraus einen kräftigen Herrn, über dessen wohlgeformtem Bauch sich ein verwaschenes T-Shirt spannte. "Bayern München - Champions-League-Sieger 2010" stand darauf deutlich zu lesen.
Onkelchen fielen fast die Augen aus dem Kopf. Wie Kenner der Materie wissen, langte es den Bayern im Jahre 2010 gerade eben nicht zum Champions-League-Sieg, sie wurden von José Mourinhos Inter Mailand in Madrid mit 0-2 bezwungen.
Ganz offensichtlich hielten sich Onkelchen und Tante Dilein aber in einem Universum auf, in dem dies nicht der Fall gewesen war. An irgendeinem Ort im Raum-Zeit-Kontinuum, der dem unsrigen ansonsten bis zum Verwechseln gleicht, muss Bayern München 2010 die Champions League gewonnen haben. Sonst würde es dieses besagte T-Shirt, das Onkelchen in der Menge gewahrt hatte, nicht geben können. Als treuer Zuseher der "Big Bang Theory" weiß Onkelchen natürlich, dass in der Physik solche Parallelwelten durchaus für denkbar gehalten werden. Dass er sich aber mit einem Mal und augenscheinlich übergangslos in einer solchen wiederfand, das hatte er sich nun nicht vorstellen können.
Oder vielleicht doch? Onkelchen überlegte genau, wann der Phasenübertritt von seiner angestammten Welt in das Paralleluniversum erfolgt sein konnte. Und ihn beschlich ein Verdacht. Am vergangenen Donnerstag hatte Onkelchen in dienstlichem Auftrag an einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen. Bei diesem Kurs hatte eine schlanke blonde Lehramtsstudentin neben ihm Platz genommen, die sich bereitwillig von ihm verbinden ließ (ich sagte: verbinden. Nicht FESSELN. Nur um Missverständnisse zu vermeiden). So was war Onkelchen in seinem Leben bisher noch nie passiert. Normalerweise halten schlanke blonde Frauen von ihm weiten Abstand. Und sich von ihm verbinden lassen - nee, die sind doch nicht larry, um einen längst vergessenen Ausdruck aus dem Fundus von Max Goldt zu verwenden.
Aber es geschah dennoch. Ein zweites Indiz kam hinzu: Onkelchens noch gar nicht mal so alte Armbanduhr, die ihm Tante Dilein vor einer Fahrt nach Rom geschenkt hatte, war plötzlich stehengeblieben - genau um 11:22 Uhr. Es lag nicht an einer leeren Batterie, denn der Sekundenzeiger drehte sich fröhlich weiter. Der Minuten- und Stundenzeiger hatten aber gestoppt. Als Onkelchen die augenscheinlich defekte Uhr letzten Samstag einem Uhrmacher zeigte, war dieser auch ratlos. War Onkelchen also am vergangenen Donnerstag um 11:22 Uhr Punkt in das Paralleluniversum eingetreten?
Es lohnt sich also, den Ort dieses möglichen Phasenübergangs genau zu untersuchen. Es geschah im Gebäude Streitfeldstraße 19 in München. Dieses Gebäude beherbergt ein merkwürdiges Forschungszentrum zur Drucktechnik, ein Steuerberatungsbüro, eine Evangelisch-Wesleyanische Kirchengemeinde (Was machen die bitte?) sowie den Lehrsaal "Malta" der Malteser in München. Ohne Frage eine ungewöhnliche Kombination. Im Eingangsbereich befand sich eine alte Druckmaschine der Firma Heidelberg - wahrscheinlich gehörte sie zu dem merkwürdigen Drucktechnik-Institut.
Befand sich also hier das Portal zu einer Parallelwelt?
Wir bleiben dran! Die Frage ist nur: Mit welchem Ergebnis hat Bayern München in diesem Paralleluniversum gewonnen?
Und gegen wen?  
    

Sonntag, 1. Juni 2014

Mein missratener Sohn Gianni IV-Dona bei einem Gesangsvortrag der Liedertafel Bärlauchheim


Onkelchen, der Schwatte und Mamma Koslowski

Es gibt Menschen, die im Ruhrgebiet nicht begraben sein möchten. Ein ehemaliger Kollege von Onkelchen, ein g’standenes Münchner Mannsbild, gestand einmal, er fühle mehr Gemeinsamkeiten mit den Österreichern als mit den Westdeutschen. Die Österreicher seien doch so viel kultivierter als die Ruhrgebietler, meinte er, und redete einer Abnabelung des Freistaates Bayern vom Rest Deutschlands das Wort. An die Stelle der lieblosen Zweckehe Bayerns mit der übrigen Bundesrepublik solle eine Liebesheirat des Freistaats mit Österreich einschließlich Südtirols treten. Onkelchen nickte jedesmal, wenn sein damaliger Kollege solche steilen Thesen vertrat. Nicht weil er zugestimmt hätte, sondern weil er sich dem zweifelsfrei zu erwartenden Münchner Grant nicht aussetzen wollte, wenn er denn zu Widerworten ansetzte. Eine Union aus Bayern, Österreich und eventuell Südtirol würde zumindest dazu führen, dass der FC Schalke 04 wenigstens mal wieder Chancen auf die deutsche Meisterschaft hätte.

Was hat das nun mit Onkelchen zu tun? Nun, er ist ein gar nicht mal so heimlicher Fan des Ruhrgebiets. Es hing mit Jürgen von Mangers Verkörperung des ewigen Ruhrpottlers Adolf Tegtmeier zusammen, dass Onkelchen sich das Revier so ein bisschen wie das Gelobte Land vorstellt, na ja gut, etwas grauer vielleicht. Für Onkelchens Mutter war Jürgen von Manger ein rotes Tuch. Sie konnte den Charakterdarsteller mit der gedehnten Sprache („da hab ich sie jesääääächt…“) nicht ausstehen. Onkelchen sah das anders. Für ihn war es ein früher Ausdruck seines Revoluzzergeistes, Tegtmeier gucken zu können.

Vor allem wohl auch wegen des trockenen Humors von Jürgen von Manger. In einer Folge von „Tegtmeiers Reisen“, so erinnerte er sich an einen kurzen Ausschnitt, den er trotz der TV-Zensur seiner Mutter erhaschen konnte, besuchte Jürgen von Manger seinerzeit mal Schottland und stellte sich an das Ufer von Loch Ness. Er sagte irgendetwas über Nessie, das Ungeheuer, das jenem trüben See angeblich innewohnt, machte dann eine Kunstpause und fragte scheinheilig: „Woll’n Se mal gucken?“ Aus Onkelchens Sicht war das der lustigste Witz der Weltgeschichte. Vielleicht lag es daran, dass von Manger nicht ganz so behäbig rüberkam – oder vielleicht auf eine andere Weise behäbig war wie die sonstigen TV-Unterhalter, die man auf den paar Kanälen zu sehen bekam, die man damals hatte (Man hatte ja nix.). Gelacht werden durfte nur beim Komödienstadl, denn auch Otto war tabu. Jürgen von Manger war da schon fast mit dem Blick in ein anderes Universum gleichzusetzen, einem Universum, das keine Krachledernen und keine Zither- und keine Blasmusik kannte und in dem es keinen Einrichtungsgegenstand namens Petra Schürmann gab.

Wahrscheinlich hat Onkelchen aus diesem Grund das Ruhrgebiet immer romantisiert. Seinen ersten Abstecher dorthin machte er allerdings erst letzte Woche, und zwar mit dem Chor, zu dem ihn Tante Dilein alle vier Wochen hinschleppt. Ein aus Essen gebürtiges Chormitglied hatte den Kontakt zu zwei Chören in Essen und Solingen organisiert (gut, Solingen ist technisch gesehen kein Teil des Ruhrgebiets, sondern des Bergischen Landes, aber lasst uns hier nicht allzu kleinlich sein), und so schaukelten die sangesfrohen Schwaben am frühen Morgen des 1. Mai in Richtung Rhein und Ruhr.

Neben den zwei Konzerten, über die ich hiermit den Mantel des Schweigens breiten will, weil sie nicht sehr gut besucht waren, wurden Onkelchen und seine Sangesfreunde in Essen auch über das weitläufige Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein geführt. Onkelchen war natürlich kurz davor, in Hymnen über die wackeren Bergleute auszubrechen, die unter Tage das schwarze Gold gewannen und in ihrer kargen Freizeit Tauben züchteten und Fußball spielten, für diese Helden, die so spielten, wie sie malochten, und die so malochten, wie sie spielten. Und dann erzählte ein ehemaliger Bergmann von der Zeit, als die Schlote rauchten und die Presslufthämmer unter Tage hämmerten  und die Zeit von damals wurde lebendig: Hömma, da war der Schwatte von nebenan, und mit dem ging man inne Kneipe, nicht wahr, getz, aber dann kam man bei Koslowskis vorbei, und Mamma Koslowski hatte noch ein paar Kartoffeln über, und dafür trug man ihr einen Eimer Kohlen (was auch sonst) aus dem Keller hoch.

Der ehemalige Bergmann erzählte von den Tauben, die man damals züchtete, weil die Vögel im Gegensatz zu dem Menschen zumindest die Chance hatten, so etwas wie Licht und Freiheit er erleben. Und vom Fußball, damals 1946, noch vor der Währung. Damals spielten die Sportfreunde Katernberg (der Verein, bei dem auch Helmut Rahn das Fußballspielen erlernte) gegen Schalke 04. Mehr als 20.000 Leute wollten das Spiel sehen, und das auf einem Fußballplatz, auf dem sonst maximal fünf-bis siebentausende Leute Platz fanden. Also stellten sich die Zuschauer auf den Bahndamm der Köln-Mindener Eisenbahn, die an dem Sportplatz vorbeiführte. Davon bekam aber die Bahnpolizei bald Wind. Die Beamten gingen zu den Zuschauern und forderten die Menge auf, den Bahndamm zu räumen. Die gaben zurück: „In zwei Stunden kommt ihr wieder!“ An diesem Tag hatten die Kohlenzüge erhebliche Verspätung.
   
Schalkedortmundduisburgbochumwattenscheidrotweißessenoberhausen. Und Westfalia Herne. Aber Onkelchen hatte Westfalia Herne mit einem Fluch belegt, denn aus Herne kam Andrea Jürgens, und wenn die Heulboje aus Herne im Fernsehen ihr Scheidungskinderlied „Und dabei liebe ich euch beide“ jammerte, rannte Onkelchen schreiend aus dem Zimmer.


Irgendwo muss die Sympathie mit dem Ruhrpott ja ein Ende haben.

Samstag, 31. Mai 2014

Onkelchen deckt auf: Löw sucht schon nach Ausreden!

Heißa, es ist wieder Fußballzeit! Auch für Onkelchen hat die Vorbereitung auf die WM bereits begonnen. Wie vor jeder WM seit 1986 hat er sich auch diesmal wieder das Kicker-Sonderheft gekauft und sich in die taktischen Varianten der 32 teilnehmenden Teams vertieft. Vermutlich wird er auch diesmal bei den Tippspielen, die seine Kollegen untereinander austragen, keinen Blumentopf gewinnen. Aber dafür kann er wie kaum ein anderer analysieren, woran es denn gelegen hat, dass Deutschland vorzeitig ausscheidet - wenn es denn tatsächlich so kommt.
Indizien für so einen Turnierausgang gibt es ja reichlich: Kapitän Lahm lahmt, und auch Nobelpreis-Neuer ist angeschlagen. Das Ausscheiden des FC Bayern gegen Real Madrid aus der Champions League scheint alle Gewissheiten über den Haufen geworfen zu haben. Offenbar ist Ballbesitz nicht mehr der alles entscheidende Faktor, und auch Standardsituationen scheinen mit einem Mal auf internationalem Parkett wieder hoffähig geworden zu sein. Und, hört, hört: Die Innenverteidiger müssen wohl die Ballettschläppchen ein- und die Sense wieder auspacken. Die Herren Pepe und Sergio Ramos haben's gezeigt, und Atletico Madrid ist mit einer Spielphilosophie ins Champions-League-Finale vorgestoßen, die mit dem Wort "Abnutzungskrieg" nur unzureichend beschrieben ist.
Diese Erkenntnisse mögen den Schöngeistern und Feuilletonisten des Fußballs sauer aufstoßen. Das konnte man in dem staatstragenden Interview mit dem Bundestrainer lesen, das seit 1986 immer eines der Highlights des jeweiligen Kicker-Sonderhefts darstellt. Konnte der staunende Leser zu Zeiten des Teamchefs Beckenbauer erfahren, dass es den Kaiser nicht mehr in den Füßen juckte, selbst gegen den Ball zu treten, und erfuhr man während Bertis Amtszeit, dass der einstiger Terrier des Kaisers dann und wann mit den Medien haderte, so strahlt der derzeitige Amtsträger im Interview vor der WM vor allem Ratlosigkeit aus. Joachim Löw, der sich vor vier Jahren noch als "Kampftrainer" bezeichnete, scheint gar nicht mehr ein noch aus zu wissen. Er möchte realistisch sein, sagt der Schwarzwälder nun. Schöner Fußball, wie ihn Löw predigt, habe angesichts der Bedingungen in Brasilien (heiß und schwül) keine Chance. "Technisch guten Teams kommt es zugute, bei 20 Grad und etwas Feuchtigkeit zu spielen. Da rollt der Ball, das Spiel wird schneller", sagt er unter den gestrengen Augen einer Büste des früheren Fußball-Großmeisters Sepp Herberger. Und setzt nach: "Unser Team hat Vorteile, wenn der Rasen feucht ist und das Spiel schnell wird."          
Bei allem Respekt: Das alles klingt ein wenig wie die Rechtfertigungsversuche von Skilangläufern, deren Betreuer in das falsche Fach der Wachskiste gegriffen haben. Da wird dann schon lamentiert, dass der Schnee zu feucht war und man doch eher nicht das Haftwachs hätte nehmen sollen. Das eigentlich Neue ist, dass Löw schon nach Entschuldigungen sucht, bevor er in die Loipe geht, beziehungsweise bevor der Ball überhaupt rollt. Vielleicht ist ja noch Zeit, ein paar Varianten für Ecken und Freistöße zu üben! Und vielleicht wird Mertesacker ja der alles entscheidende Spieler in Brasilien. In diesem Sinne: Pack die Sense aus, Per!  

Montag, 19. Mai 2014

Onkelchen liebt Lasogga! Und der Liga-Dino auch!

Eigentlich war gestern ein Tag, an dem die pure Freude hätte walten sollen. Das Wetter war schön, Onkelchens Nichte (eine talentierte Fußballerin, deren Verwandtschaftsgrad zu mir wir hier nicht diskutieren wollen) feierte Konfirmation, Onkelchen hielt sich sogar mit seinen Sprüchen zur vermeintlichen Überlegenheit des Sedisvakantismus zurück. Dafür vertilgte er Schnitzel und jede Menge Kuchen.
Aber ach. Je näher die Uhrzeiger gegen 17 Uhr krochen, desto mehr verfinsterte sich Onkelchens Gemüt. Er, der noch am Morgen die Akustik der Kirche fast bis zum Zerbersten hin auf die Probe gestellt hatte, seufzte nur noch matt. Denn das letzte Stündelein des Hamburgosaurus vutbalicus schien angebrochen. Der einst stolze Europapokalsieger aus der Hansestadt dämmerte seinem Abstieg entgegen. Erst mit mehr Glück als Verstand auf dem Relegationsplatz verblieben, hatte der HSV, man kann es nicht anders sagen, im Hinspiel gegen den wackeren Zweitligisten Greuther Fürth sie Chance auf so etwas wie eine Vorentscheidung vergeigt und musste sich glücklich schätzen, daheim im Volkspark nicht gar noch verloren zu haben.

Nun also gestern das Rückspiel in Franken, und dort musste der Hamburgosaurus vutbalicus nicht nur gegen die fränkischen Fußballer nebst Fans bestehen, sondern auch gegen eine unheimliche US-Connection, denn Amerikas früherer Außenminister Kissinger ist bekennender Anhänger der Fürther. So sprach also alles gegen die Hamburger.

Bis Lasogga zuschlug.

Onkelchen verfolgte die Partie zu diesem Zeitpunkt auf dem Kicker-Ticker seines Handys, und langsam schöpfte er wieder Hoffnung. Pierre-Michel Lasogga, der Rammbock in Menschengestalt, hatte zumindest einen Ball in das Fürther Tor gewuchtet. Onkelchen hat ja seit den Zeiten eines Horst Hrubesch und eines Dieter Hoeneß – obwohl der für die verhassten Bayern spielte – eine Schwäche für solche Brechertypen, die dahin gehen wo’s weh tut, sich hinauf schrauben und bezeichnenderweise mit dem Eisenschädel den Ball ins Netz befördern. Insofern ist Lasogga die Antithese zu dem Feingeist-Fußball eines Pep Guardiola. An dessen Ballbesitz-Philosophie versuchen sich ja bereits Feuilletonisten der einschlägigen Presse, ganz besonders der Süddeutschen. Ein Lasogga zeigt diesen Feingeistern und -füßen dagegen den Vogel. Gemessen an seiner Torquote war er der effektivste Stürmer, den der HSV jemals besessen hat.


Dass der HSV den Klassenerhalt darüber hinaus vor allem dem tapferen Torhüter Drobny verdankte, der nach dem Fürther Gegentor in der zweiten Halbzeit alles hielt, was auf seinen Kasten kam, muss hier natürlich auch erwähnt werden. Doch im Gegensatz zu Drobny wäre Lasogga auch in der Lage, Jogis Jungs auf dem Weg zum vierten WM-Titel zu unterstützen. Die Kaderauswahl von Bundestrainer Löw treibt ja vor allem im Sturmbereich seltsame Blüten: Neben einem Fußballrentner nominierte der Badener bekanntermaßen ein internationales Greenhorn, das bisher 0 (in Worten: Null) Länderspiele aufzuweisen hat. 

Zwar wissen wir, dass Löw im offensiven Mittelfeld aus dem Vollen schöpfen kann. Doch es drängt sich der Verdacht auf, dass mit Ausnahme von Reus und vielleicht Thomas Müller die Stärke der übrigen Offensivkräfte eher darin besteht, den Ball am gegnerischen Strafraum endlos quer zu spielen. Schließlich scheint die Guardiola’sche Lehre „der Sinn des Fußballspielens ist der Ballbesitz“ auch schon tief in die Nationalmannschaft eingedrungen zu sein. Ein Lasogga als kantiger Brechertyp mit eindeutigen Vorteilen in den Kopfballregionen würde die Feingeister hier nur stören. Mal sehen, ob man das auch noch so sieht, wenn nach der Vorrunde schon Schluss für den Brasilien-Ausflug von Herrn Löw und seinen Jungs sein sollte.    

Egal aber, ob Lasoggas Zukunft den gebürtigen Gladbecker nach Berlin, in die Premier League oder sonstwohin führen sollte (warum nicht nach Dortmund als Lewandowski-Ersatz?), eines ist jetzt schon klar: Nicht zuletzt dank Lasoggas Tor ist der Hamburgosaurus vutbalicus für dieses Mal nochmal in der Liga dringeblieben. Dass Lasogga sich in diese möglicherweise letzte Partie reingehängt hat wie kaum ein anderer der Fußballsaurier-Veteranen (und das obwohl seine Leihe ablief), ist ihm hoch anzurechnen. Er hat gezeigt, dass er das Herz am rechten Fleck hat. Wollen doch mal sehen, ob ihn das nicht noch für höhere nationale und internationale Aufgaben qualifiziert!  

Freitag, 7. März 2014

Zwei Euros fürs Phrasenschwein! Die Nationalmannschaft in der Krise? Onkelchen klärt auf!

Hi, Palfi. Wieder zurück aus Moskau?

Grmbl. Hör bloß auf. Wladimir hat mich abgeschoben, weil er meinte, ich würde ihm die Haare vom Kopf fressen. Dabei hat er kaum noch Haare. Also, was beschwert er sich? 

Das müsstest du ihn selbst fragen. Aber schön, dass du wieder da bist.

Fein. Onkelchen, wir haben uns lange nicht mehr über Fußball unterhalten. Wie kommt es eigentlich, dass du immer unkst, Deutschland würde bei der WM die Vorrunde nicht überstehen? Du bist doch eigentlich ein Anhänger der Nationalelf.

Oh. Ich glaube, das ist hauptsächlich Selbstschutz. Ich will mir das Undenkbare eigentlich nicht vorstellen. Aber wenn es dann doch passiert, will ich wenigstens sagen können: Siehste, ich hab's doch schon von Anfang an gewusst.

Das ist aber kein sehr feiner Zug.

Journalisten neigen zu so was. Das ist wie bei der letzten Papstwahl. Die Journos, egal ob sie Insider sind oder nicht, werfen so viele Namen möglicher Kandidaten in den Raum, damit sie hinterher sagen können, siehste, den Kardinal XY hatte ich auf dem Zettel. Nur mit Bergoglio hatte nun wirklich fast keiner gerechnet.

Ah ja, Wieder wurde ein Mysterium der deutschen Medienlandschaft entschleiert. Aber was muss die deutsche Nationalmannschaft denn tun, um in Brasilien endlich den Titel zu holen?

Genau das, was ich mache, wenn ich bei Pro Evolution Soccer 2014 mache, wenn ich in einem Turnier nicht weiterkomme: Den Spielstand vorher abspeichern und den Schwierigkeitsgrad von "Profi" auf "Fortgeschrittener" heruntersetzen.

Das dürfte in der brasilianischen Hitze wenig hilfreich sein...

Ja, es ist wirklich schwierig. Aber mal ernsthaft, bisher haben deutsche Teams nie richtig gut abgeschnitten, wenn sie in Südamerika ein Turnier bestreiten mussten. 1962 war für die Nationalmannschaft in Chile im Viertelfinale Schluss und 1978 endete das Turnier in Argentinien mit dem berühmt-berüchtigten 2:3 von Cordoba in der 2. Finalrunde, die damals im Gruppenmodus ausgespielt wurde. Beide Male kamen die Deutschen nicht unter die letzten Vier. Ich würde deshalb meinen Optimismus etwas dämpfen und nicht zu viel Geld für Schland-Fanartikel ausgeben.

Das ist ja furchtbar bedenklich. Das letzte Spiel gegen Chile lässt auch nicht viel Hoffnung aufkeimen.

Naja, immerhin hat man gewonnen. Neuer hat tadellos gehalten, und der Siegtreffer von Götze, den Özil kongenial vorbereitet hat, war auch richtig schön. Ich mag den Götze, weil er immer Lust zum Spielen hat. Aber das Spiel hat ein Problem aufgezeigt, das sich unter Bundestrainer Löw schön öfter gestellt hat: Was macht das Team, wenn der Gegner wirklich beherzt aufspielt? Wenn die "Feinfüße" - ich musste über den Ausdruck in der Süddeutschen Zeitung schmunzeln - eng gedeckt und dicht angegangen werden? Die FAZ glaubte ja, bei den Chilenen so etwas wie Manndeckung mit Libero entdeckt zu haben, und so sah es für mich teilweise auch aus. Was passiert, wenn der Gegner so spielt, wie es Fußball-Feingeist Löw nicht erwartet? Dann kann die Freude schnell vorbei sein.

Aber eigentlich hätte man ja denken können: Fünf bis sechs Bayern-Spieler in der Mannschaft, dazu noch einige von Borussia Dortmund, das sind die beiden besten Vereinsmannschaften der letzten Saison gewesen, die müssten doch das Spiel kontrollieren können.

Weißt du was? Genau das hatte ich eigentlich vor dem Spiel auch gedacht. Die deutschen Nationalspieler sind zum allergrößten Teil in europäischen Topmannschaften tätig und arbeiten mit den absoluten Toptrainern. Die Bayern unter Guardiola, die Dortmunder unter Klopp, die Arsenal-Kolonie unter Arsène Wenger, Schürrle arbeitet in Chelsea mit Mourinho. Bessere Voraussetzungen kann ein Nationaltrainer eigentlich nicht haben. Gut, es sind noch viele verletzt, von denen ich hoffe, dass noch einige zurückkommen, bis es in Brasilien losgeht. Man hätte eigentlich davon ausgehen dürfen, dass Löw gegen Chile trotz aller Verletzungssorgen eine schlagkräftige Mannschaft zur Verfügung hat. Aber es kam anders. Und das schafft Stoff zum Nachdenken.

Meinst du, die ungewohnten Trikots waren daran schuld? Tante Dilein hat ja schon gesagt, dass du dir diese rot-schwarz quergestreiften Leibchen nicht zulegen solltest, weil sie deine Wampe zu sehr betonen...

Nein, das glaube ich nicht. Dass die Trikots schuld waren, meine ich. Es gab in der ersten Halbzeit eine erhellende Szene, Schweinsteiger spielt raus auf den linken Flügel, aber keiner war da, um den Pass aufzunehmen. Das kann ich mir nur so erklären: Er meinte wohl, jetzt würde links gleich Ribéry starten, um einen Konter rauszufahren. Aber Ribéry stand halt nicht auf dem Platz. Zumindest nicht bei der deutschen Mannschaft. Man darf sich also von den Erfolgen der Bayern nicht täuschen lassen, denn gerade Ribéry und Mandzukic spielen bei denen eine ganz zentrale Rolle, und auf die kann Löw eben nicht zurückgreifen. Außerdem glaube ich, dass die Nationalmannschaft den Philipp Lahm eher auf der rechten Außenbahn braucht als im defensiven Mittelfeld. Einfach um rechts Dampf zu machen. Auf der Sechser-Position würden, wenn beide fit sind, ja ohnehin eher Schweinsteiger und Khedira spielen. Lahm auf der Sechs sehe ich in der Nationalmannschaft eher als eine Notmaßnahme, falls Khedira tatsächlich nicht mehr fit werden sollte.

Also, Lahm auf rechts. Das haben wir jetzt gelernt. Und weiter?

Die Erwartungen sind einfach wahnsinnig hoch. Ich will Löw jetzt nicht in Schutz nehmen, aber dieses Jahr wird der Weltmeistertitel von der Nationalmannschaft ja geradezu gefordert. 2006 war man mit der Halbfinalteilnahme noch zufrieden. Jetzt nicht mehr. Vergleichbar ist quasi nur noch die Situation vor der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland, als der Titel ja genauso bedingungslos gefordert wurde. Helmut Schön hatte zuvor 1966 den zweiten, 1970 den dritten Platz geholt. 1972 wurde die Europameisterschaft gewonnen, aber die hatte damals noch nicht denselben Stellenwert wie heute. Und dieser Druck führte dazu, dass die Mannschaft in den ersten Spielen der WM 74 verkrampfte. Der Gipfel war dann dieses unrühmliche und für den DFB peinsame 0:1 gegen die DDR.

Das war damals quasi der Schuss vor den Bug zur rechten Zeit.

Richtig. Ich glaube auch, dass man das Chile-Spiel alles in allem nicht so hoch bewerten sollte. Es ist schon richtig: Das war ein Test gegen einen spielstarken Gegner. Aber für die Spieler steht momentan einfach auch der Verein im Vordergrund. Vielleicht will man sich auch nicht verletzten, wenn es in Richtung Saisonhöhepunkt geht, die Bayern und die Dortmunder sind ja auch noch in der Champions League aktiv und erhoffen sich einiges. Die Aussagekraft dieses Tests ist deshalb vielleicht gar nicht so groß, schließlich gibt es ja noch ein gemeinsames Trainingslager und noch drei weitere Testspiele für die Feinabstimmung.

Jetzt klingst du richtig optimistisch.

Na ja, jede WM ist eine Wundertüte. Man weiß nie was rauskommt. (Klonk!)

Was war dieses Klonk?

Das waren die zwei Euro, die ich ins Phrasenschwein geschmissen habe.

Bleibt die Frage: Wird Onkelchen noch seinen Frieden mit Jogi Löw machen? Das ist vermutlich spannender als die Frage, wer Weltmeister wird.

(lacht) Wir lassen das mal offen.

Sonntag, 16. Februar 2014

Eine Frage des Artenschutzes


Keine Frage, die Zeiten sind gefährlich. Nicht nur, weil ich aufgrund meiner Opposition zu Tante Dileins Totalbelauschung immer noch in einem kalten Hotelzimmer in Moskau vor mich hin bibbere. Sondern auch deshalb, weil die Leute immer verrückter werden. Da war zum Beispiel vor ein paar Wochen dieser Typ, der sich eigentlich von Amts wegen dem Tier- und Artenschutz hätte verpflichtet fühlen müssen. Ich hab das doch richtig mitgekriegt, dass der irgendwo im Thüringer Umweltministerium tätig war? Und dieser Typ fährt nach Afrika und knallt einen meiner Artgenossen übern Haufen (OK, technisch gesehen war es kein Artgenosse, denn er war ein Loxodonta africana, während ich die Ehre habe, ein 7,5 Tonnen schwerer Elephas maximus zu sein, aber ihr versteht, was ich meine). Und das nicht mal fachmännisch. Nach allem, was man hört, hat der ein ganzes Magazin auf den armen Elefantenbullen entleert, bis der dann hinüber war. Ich hätte diesem Typen gern mal den Marsch geblasen. Aber da kann man ja echt nicht sicher sein, ob der nicht noch weitere Knarren im Keller hat.

Ja, es ist seltsam. In Deutschland gibt es einen Riesen-Aufschrei, wenn mal einem Juchtenkäfer oder sonstigem Geziefer ein Bein ausgerissen wird, aber genau dieselben Leute finden es dann plötzlich sportlich, im Ausland einen Elefanten zu erlegen. Eine ganz ähnliche Sache ist es, wenn manche Leute total auf ihre Ernährung achten, joggen und ins Fitnessstudio rennen und einen auf Gesundheit machen - ja bloß kein Gramm zu viel und wenn schon, dann bitte alles bio. Und kaum ist es Winter, legen sie sich bäuchlings auf irgendwelche fragilen Gestelle und rutschen mit halsbrecherischem Tempo in einer Eisrinne zu Tal. Da kann so viel passieren! Aber das scheint diese merkwürdigen Zweibeiner, die sich Menschen nennen, nicht zu kümmern. In Sachen des Artenschutzes sind sie zwar in der Theorie firm, aber in der Praxis hapert's dann doch immer wieder.

Törö. Ich werde öfters gefragt, wie es mir in Moskau so geht. Ach, nicht allzu schlecht. Ich habe einen netten Nachbarn, einen jungen Amerikaner mit großer Brille, der wahnsinnig viel über Computer weiß (da könnte Onkelchen tatsächlich noch das eine oder andere lernen). Und immer wieder kommt ein freundlicher Herr namens Wladimir vorbei, der sehr gut Deutsch spricht (er sagt, er war mal längere Zeit beruflich in Dresden). Er hat mich sogar gefragt, ob ich mit zu seiner Privatparty möchte, die seit ein paar Tagen am Schwarzen Meer stattfindet. Da seien viele nette Leute, abends gebe es Eishüpfen mit zarten elfenhaften Damen (das muss ein traditioneller russischer Brauch sein). Ich hab mir das zwar überlegt, dann aber doch nein gesagt. Ich befürchte, dass ich für das Eishüpfen nicht elastisch genug gebaut bin.

Apropos Artenschutz: Auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere steht ja schon seit einiger Zeit ein sogenannter Liga-Dino. Und das lässt meinen Onkel sehr leiden. Onkelchen ist nämlich seit er denken kann, ein Fan dieses Liga-Dinos, der auch auf den Namen "HSV" hört. Ich bin mir zwar nicht sicher, wofür HSV steht (Hamburgo-Saurus vutbalicus?). Fest steht aber, dieses Tier namens HSV ist das letzte seiner Art. Und es lebt im Hamburg.

Onkelchen ist, seit er denken kann, ein Freund dieses merkwürdigen Wesens. Und er leidet, weil es diesem Tier so schlecht geht. Noch schlimmer, er gibt sich selber sogar die Schuld für das allmähliche Aussterben des Tieres. Noch bevor ich nach Moskau abgeschoben wurde, hat er mir erzählt, dass er den HSV verflucht hat und dieser Fluch die Krise noch verschlimmert hat. Angeblich soll ihn auf dem Mittleren Ring in München ein großer schwarzer Mercedes mit Hamburger Kennzeichen geschnitten haben. Onkelchen war zunächst sehr erschrocken und dann wütend und dann schrie er dem schwarzen Hamburger S-Klasse-Schlitten hinterher: "Der HSV soll absteigen!" Er bereute es zwar sofort, aber der Fluch war in der Welt und bis jetzt gibt es keinen Schamanen, Priester, Exorzisten oder Wunderrabbi, der dagegen etwas tun konnte. Onkelchen fühlt sich sehr schlecht. Und da der Hamburgo-Saurus vutbalicus gestern sogar das Duell gegen den Tabellenletzten verloren hat, ist das Schicksal des Liga-Dinos definitiv besiegelt.

Es sei denn, Peter Neururer kommt.