Ich und die Meinen

Ich und die Meinen

Herzlich willkommen!

So, das bin ich! Ich bin Kurt Palfi. Ich habe mir gedacht, jetzt muss mal ein neues Foto her. Leider hat Onkelchen ein Nacktfoto von mir hochgeladen. Aber ich sehe doch noch recht proper aus!
Wir (das sind ich, mein missratener Sohn Gianni Dona und Onkelchen, der alles für uns tippt) lästern in diesem Blog über alles, was gerade anfällt: Fußball, Politik, Film und Fernsehen, alles Mögliche. Viel Spaß!

Dienstag, 30. Juni 2015

Kanada-Reisen: Erfahrungen und Tipps



Blick auf das Bergpanorama in Whistler (British Columbia).

Hallo, Onkelchen! Ich freue mich, dass ihr beide wieder gesund und wohlbehalten in Deutschland gelandet seid. Ich nehme mal an, dass Dich der Jetlag noch ein bisschen in den Klauen hat. Aber das legt sich ja erfahrungsgemäß. Aber trotzdem möchte ich die Frage loswerden: Das war ja jetzt eure fünfte gemeinsame Reise nach Kanada. Was macht Kanada immer wieder aufs Neue so faszinierend?

Ich glaube, dass da viele Dinge zusammenkommen. Da ist zum einen die großartige Natur, da ist das Zusammenspiel von Landschaft und Weite, das sind aber auch sehr freundliche und offene Menschen. Gerade im Westen Kanadas ist die Einstellung zu den Dingen des Lebens doch etwas gelassener als bei uns, und das färbt ab. Hoffe ich zumindest.

War es denn schön?

Ich denke, es war die schönste Kanada-Reise, die wir beide miteinander unternommen haben. Die anderen waren auch sehr schön, keine Frage. Aber die drei Wochen im Juni 2015 haben alles getoppt, nicht zuletzt wegen des fast durchgehend sonnigen Wetters, das wir hatten.

Ihr wart bisher eher im Spätsommer und im frühen Herbst in Kanada unterwegs. Jetzt wart ihr im Juni dort. War das eine gute Entscheidung?

Ja, ohne Frage. Der Juni ist eine gute Reisezeit, vor allem, weil die touristischen Zentren noch nicht überlaufen sind. Die Kanadier selbst brechen eher im Juli in den Urlaub auf. Mich hat überrascht, dass es im Juni dieses Jahr zum Teil schon ziemlich heiß war. Wir hatten eher frühlingshafte Temperaturen erwartet und uns sogar auf den einen oder anderen Frost eingestellt. Die dicken Jacken konnten somit im Koffer bleiben. Die Kanadier sagten uns, dass dieser Juni ungewöhnlich warm und sonnig gewesen sei. Das hat auch negative Folgen: die Waldbrandgefahr ist sehr hoch, und der ausbleibende Regen ist natürlich für die Landwirtschaft dort ein großes Problem.

Was muss man denn beachten, wenn man nach Kanada reist?

Vor allem sollte man Zeit mitbringen. Und man muss sich auf die Weite des Raumes einlassen. Ich geb Dir mal ein Beispiel: In den drei Wochen, in denen wir in Kanada waren, sind wir mit dem Auto ungefähr 3.300 Kilometer weit gefahren. Wenn Du in Deutschland 3.300 Kilometer fährst, hast Du mit hoher Wahrscheinlichkeit die komplette Bundesrepublik bereist und Berlin, Hamburg, Köln, München und noch einige weitere bedeutende Städte besucht. Wir dagegen haben uns eigentlich „nur“ im südlichen Drittel der westlichsten Provinz British Columbia bewegt. Das gibt so ein bisschen einen Eindruck von der Fläche, denke ich.

Was würdest du jemandem raten, der zum ersten Mal nach Kanada reist?

Wie gesagt: Zeit mitbringen. Das hat nicht nur mit den Entfernungen zu tun. Sondern auch damit, dass man auf den kanadischen Straßen nicht so schnell vorwärts kommt wie auf einer deutschen Autobahn. Ein kanadischer Highway ist keine Autobahn. Die Highways sind oft nur zweispurig ausgebaut, dann sind 90 Stundenkilometer als Höchstgeschwindigkeit das Maximum. Sie verlaufen gerade in British Columbia oft auch kurviger, so dass man an einigen engen Stellen bis auf 30 oder gar 20 Stundenkilometer herunter bremsen muss. Wenn man also eine Route plant – und der Reiz einer Kanada-Reise ist ja gerade das Unterwegs-Sein – dann muss man eine gute Vorstellung davon haben, wie viel Zeit diese Route in Anspruch nimmt. 

Mein Rat ist daher, sich vor der Reise die größte Straßenkarte zu kaufen, die man finden kann, und sobald man im Land ist, sollte man sich noch eine größere Karte kaufen. Einfach um ein Gefühl für die Entfernungen zu bekommen und zu sehen, welche Tagesetappen realistisch sind. Das ist nicht zuletzt dann wichtig, wenn man mit Familie reist. Man sollte die Touren schon so planen, dass man Zeitreserven hat, dass man Pausen für ein Picknick oder auch ein interessantes Zwischenziel hat. Auch wenn das Autofahren in Kanada wegen der geringeren Geschwindigkeiten auf den Straßen entspannter ist als in Deutschland: Wenn man nur Kilometer herunterreißt, weil man eine Etappe zu sportlich geplant hat, geht der Erholungseffekt leider flöten.    

Ihr wart zuletzt 2005 in Kanada, also vor zehn Jahren. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Zum Glück nicht viel (lacht). Die großartige Landschaft und die Natur sind natürlich immer noch vorhanden. Aber einige Details sind uns schon aufgefallen. Als wir vor zehn Jahren in Kanada waren, sind wir ab und an in ein Internet-Café gegangen, um Grüße nach Hause zu schicken. Mittlerweile ist ein in der Regel kostenfreier WiFi-Zugang in den allermeisten Hotels, Motels und auch in zahlreichen B&Bs Standard - und das sogar in relativ kleinen Ortschaften. Auch die Mobilfunkversorgung hat sich seit zehn Jahren wahnsinnig verbessert. Vor zehn Jahren konnte man mit Geräten nach europäischem Standard fast nur in den großen Städten Calgary, Edmonton und Vancouver beziehungsweise entlang des Korridors Calgary-Banff telefonieren. Heute ist das Netz dagegen viel besser ausgebaut. Natürlich - je weiter man in dünn besiedelte Gebiete vorstößt, desto geringer sind die Chancen. Aber in den Städten und den einschlägigen Touristengebieten hatten wir mit unseren europäischen Smartphones eigentlich immer die Möglichkeit zu telefonieren. Zudem hatten wir heuer oft sogar die Wahl zwischen diversen Roaming-Anbietern, nämlich Bell, Telus und Rogers Telecom. Vor zehn, zwölf Jahren war man auf einen einzigen Mobilfunkanbieter namens Microcell angewiesen, wenn man mit GSM-Geräten nach europäischem Standard telefonieren wollte. Damals haben wir uns meistens mit sogenannten Prepaid-Calling-Cards beholfen, die man am Flughafen und in den Supermärkten kaufen konnte. Man ging an ein öffentliches Telefon und musste die ellenlange Nummernkombination wählen, die auf der Karte aufgedruckt war. Das war zunächst die Netzeinwahlnummer, dann die Kartennummer und dann die PIN, die man freirubbeln musste. Und schließlich noch die Nummer, die man eigentlich wählen wollte.

Das ist ja schon eine recht lange Liste! Fallen dir noch irgendwelche Unterschiede gegenüber früher ein?

Ja, allerdings! Wir haben festgestellt, dass die Bed & Breakfasts (kurz B&Bs, also quasi Frühstückspensionen) inzwischen sehr viel professioneller geworden sind als damals. Früher konnte man sagen: Hotels sind teurer, B&Bs sind dagegen preiswerter, aber persönlicher. Die B&Bs waren nicht zuletzt deswegen preiswerter, weil man in der Regel den Übernachtungspreis pro Zimmer bezahlte, und dann war es eigentlich egal, ob man in dem Zimmer allein oder zu zweit übernachtete. Bei Hotels wurde der Preis pro Person berechnet. Zudem waren die B&Bs persönlicher, weil man die Betreiberfamilie ein bisschen kennenlernen konnte - das waren oft Ruheständler, die sich mit dem B&B ein bisschen ihre Rente aufbesserten und sich damit andererseits auch die Welt in ihre gute Stube holten.

Heute haben sich die Preise für Hotels und B&Bs praktisch aneinander angeglichen. Zudem kann man viele B&Bs in Kanada inzwischen auch über die einschlägigen Buchungsportale buchen. Das ist ganz hilfreich, weil man ohne Zeitverlust erfahren kann, ob das Zimmer in dem gewünschten Zeitraum auch verfügbar ist. Zudem kann man seine Reservierung ganz einfach durch Eingabe der Kreditkartennummer fixieren. Früher musste man die B&B-Betreiber erst per Mail anschreiben und dann abwarten, ob und wann sie dann antworteten.

Das ist heute - zumindest bei den Top-B&Bs - sehr viel angenehmer und einfacher. Auch beim Service sind viele B&Bs sehr professionell geworden, dabei ist allerdings manchmal das Persönliche ein wenig auf der Strecke geblieben. Bei einem B&B zum Beispiel haben wir unsere Vermieter nie getroffen, wir bekamen nur angegeben, wo wir den Schlüssel abholen und die Rechnung bezahlen sollten. Das geschah bei einer Firma, die Kanu-Exkursionen organisierte und nebenbei noch die allfällige Verwaltung für das B&B erledigte. Bei einem anderen B&B waren die Hauseltern sogar so profimäßig drauf, dass uns so ein bisschen das Persönliche abging. Es war einfach alles ein bisschen zu geleckt!

Hättest Du noch einen Tipp?

Einen? Viele! (lacht) Aber ich denke, wenn man unterwegs ist, sollte man unbedingt in der Tourist Information des jeweiligen Ortes vorbeischauen und sich erkundigen, welche interessanten Dinge es in der Umgebung zu sehen und zu erleben gibt. Selbst der beste Reiseführer kann nicht so aktuell und informativ sein wie die Infos, die man sich dort holen kann. Auch B&B-Betreiber wissen häufig sehr gut über ihren Ort und ihre Umgebung Bescheid, so dass man sich gute Tipps holen kann. Unsere Gastgeber in Port Alberni gaben uns zum Beispiel den Tipp, nach Errington zu fahren. Das ist nur ein paar Autominuten von dem berühmt-berüchtigten Coombs entfernt, wo Ziegen auf dem Dach eines merkwürdigen New-Age-Supermarkts weiden (ich lüge nicht!) In Errington gibt es das North Island Wildlife Recovery Centre, in dem verletzte Tiere wie zum Beispiel Weißkopfseeadler so weit gesund gepflegt werden, dass sie wieder ausgesetzt werden können. Das sollte man schon gesehen haben. Nur die Spinnensammlung im Eingangsbereich sollte man sich nicht zu genau ansehen...


Freitag, 26. Juni 2015

Neue Hoffnung für ein Nest namens Hope

Onkelchen hat vor kurzem zu Tante Dilein gesagt: Unser Urlaub hängt durch. Na ja, irgendwann hängen einem die Naturschönheiten von British Columbia zum Halse heraus. Und irgendwann geht einem dieses endlose "How are you, oh fantastic, oh so nice" der ausgesprochen netten Kanadier auch auf den Zeiger. Abwechslung ist gefragt! Und da traf es sich gut, dass Onkelchen und Tante Dilein gestern abend einfach mal durch das Dorf stromerten, in dem sie die letzte Etappe vor dem Heimflug verbringen, nämlich in einem Nest namens Hope. 

Hope besteht aus Eisenbahnschienen, ein paar Tankstellen und Motels sowie einer Hauptstraße mit ein paar Geschäften und Kneipen, der Wallace Street. Dort befindet sich auch das Kino des Ortes. Eigentlich suchten die beiden nur nach einer preiswerten Gelegenheit zum Einkehren, da fiel Onkelchen in einem der eingestaubten Schaufenster ein Plakat auf. Der Movie-Club von Hope lud zu einer Vorführung der (historisch) ersten Star-Wars-Episode von 1977, die im Kanon inzwischen als Folge vier eingereiht ist und den Eingeweihte unter dem Titel "A New Hope" (zu Deutsch: Neue Hoffnung) kennen.

Tante Dilein konnte gar nicht so schnell schauen, wie Onkelchen in dem Kino verschwunden war. Er ist nämlich eingefleischter Star-Wars-Fan, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit einen Heuler wie der Wookiee Chewbacca loslässt (so auch jetzt). Schnell besorgte er die Karten, nachdem er eruiert hatte, dass auch Noch-Nicht-Mitglieder des Movie-Clubs den Film ansehen durften. Tante Dilein, die sich schon auf ein gut gegrilltes Steak oder zumindest auf einen Hamburger gefreut hatte, musste sich halt nun mit salzigem Popcorn zufrieden geben.

Der Filmvorführung ging eine Kostümprämierung voraus (richtig, einige Fans hatten sich als Charaktere aus der Star Wars Saga verkleidet). Eine schon etwas angejahrte Dame, die sich mittels angeklebter Papierohren als Jedi-Meister Yoda kostümiert hatte (im leicht unterbelichteten Foto ist sie in der Mitte zu sehen), gewann den Hauptpreis. Aber auch Tante Dilein ging nicht leer aus und gewann bei der ebenfalls stattfindenden Tombola ein Trinkglas mit dem Motiv des originalen Star-Wars-Filmplakats von 1977.



Onkelchen konnte seinerseits sein Fachwissen in Sachen Star Wars unter Beweis stellen und lieferte in einer Trivia-Fragerunde zweimal die richtige Antwort auf ausgesprochen knifflige Fragen (Wo wurden die Außenaufnahmen für den Wüstenplaneten Tattooine gedreht? Richtig, in Matmata in Tunesien. Welche Firma vertrieb die originalen Star-Wars-Actionfiguren? Richtig, Kenner Toys!).

Der Film war für Onkelchen natürlich ein Fest, er hatte ihn zwar schon unzählige Male gesehen, aber bis dato eben nie in der englischen Originalfassung auf der Leinwand. Tante Dilein konnte hingegen die Hingabe studieren, mit der echte Fans den Film verfolgen und wie sie in jeder Szene mitgehen. Bei der Zerstörung des Todessterns brach zum Beispiel das gesamte Publikum in Szenenapplaus aus. Insofern keimte ausgerechnet in einem Nest namens Hope neue Hoffnung für den zu Ende gehenden Urlaub der beiden auf. 

Donnerstag, 25. Juni 2015

Ganz geheime Geschichten

Irgendjemand hat mal gesagt, Kanada sei ein Land mit einem Zuwenig an Geschichte aber mit viel zuviel Geografie. Nun gut, die Ureinwohner dürften das ein bisschen anders sehen, aber aus Sicht der Europäer lassen wir das Zitat einfach mal so stehen. Dieser Mangel an Geschichte ist auch das Einzige, was Onkelchen ein bisschen nervt. Er liebt es zwar, mit Tante Dilein durch die Weiten der kanadischen Wildnis zu fahren, aber - hach, so eine Burgruine oder ein kleines barockes Wallfahrtskirchlein, das über dem Tale thront, das wäre doch was! Es gibt nicht viel Schöneres, als durch Kanada zu cruisen, während Country-Musik aus dem Radio perlt, aber ihr hättet Onkelchen vor elf Jahren sehen sollen, als er die Gelegenheit hatte, über die Akropolis zu streunern! Oder vor zwei Jahren über das Forum Romanum! Derartige Stätten sind nun mal in Kanada eher dünn gesät.

Gestern nun verschlug es Onkelchen und Tante Dilein in das kleine Dorf Keremeos. Der Name des Dorfes klingt zwar irgendwie griechisch (unser Altsprachler wollte gleich wieder Parallelen zum "Kerameikos" in Athen herstellen), ist aber wohl indianischen Ursprungs und bedeutet laut Wikpedia "der Ort, an dem sich die Winde treffen". Die beiden sind wirklich total zufällig an dem Treffpunkt der Winde aufcgeschlagen. Zunächst wollte Onkelchen unbedingt eine (na ja, nicht ganz so) geheime kanadische Forschungseinrichtung besuchen. Die ist so geheim, dass man dort unbedingt das Handy ausschalten muss, da sonst die empfindlichen Forschungsgeräte gestört werden. Deswegen konnte Onkelchen keine Bilder von der (na ja, nicht so ganz) geheimen Einrichtung schießen. Deswegen gibt es vorerst nur das folgende, ziemlich magere Fotodokument (glücklicherweise hatte Tante Dilein auch noch ihren altmodischen analogen Fotoapparat dabei und konnte Insider-Bilder der Einrichtung machen, aber die müssen erst noch entwickelt werden.)


Nach der Besichtigung der Forschungseinrichtung schlug Tante Dilein vor, einfach der Straße weiter zu folgen. Das tat Onkelchen folgsam, er fand sogar eine verlassene Tankstelle, weil das Benzin knapp zu werden drohte, und fuhr dann weiter an ein paar einsamen Seen vorbei, bis er zu dem Dorf Keremeos kan. Ein einsamer Flecken in einer entlegenen Gegend. Onkelchen hätte sich kaum gewundert, wenn Winnetou um die Ecke gebogen wäre und ihm die Blutsbruderschaft angeboten hätte. Tatsächlich gibt es dort noch viel Indianerland. Schließlich gelangten sie zum modernsten Gebäude des Dorfes.


Diese alte Mühle wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem verschrobenen Engländer errichtet, der nach British Columbia ausgewandert war. Er soll zwei Indianermädchen geheiratet haben (die Geschichte schweigt sich aus, ob das nacheinander oder parallel der Fall war) und die Gegend mit Mehl versorgt haben. Leider gab es bald leistungsfähigere Mühlen in der Gegend, und der besagte verschrobene Engländer kehrte wieder in die Heimat zurück. Die Wassermühle steht indes immer noch und ist inzwischen ein kleiner Anzeihungspunkt für Mühlenfreunde. In dem kleinen General Store, den der Engländer außerdem betrieb, ist eine Teestube eingerichtet, in der man kleine Mahlzeiten gereicht bekommt (Tante Dilein wollte von der Köchin sofort das Rezept für die Salatsoße haben, diese ließ sich aber nur entlocken, dass die Vinaigrette Bestandteile von Erdbeeren und Thymian enthielt). An der Kasse stand ein wohlgeformtes blondes Mädel, das deutsche Vorfahren hatte. Sie sagte, einige ihrer Ahnen seien aus Bielefeld gekommen. Onkelchen hätte ihr darauf gerne gesagt, dass ihm das sofort klar gewesen sei, denn Bielefeld gebe es bekanntlich gar nicht, und deswegen könne das blonde Mädel nicht von dieser Welt sein. Dafür reichte aber sein Englisch nicht aus. Er lächelte halt. War wohl besser so.

Zum Mühlengelände gehört ein Garten, und wie es der Zufall so wollte, gastierte dort just an diesem Nachmittag ein gemischtes Folk-Musikduo mit dem Namen "Vazzy", das aus einer leicht gealterten frankokanadischen Elfe und einem Herren bestand, der wie ein Amish mit Hawaiihemd aussah. Beide hatten es sich zum Ziele gesetzt, dem überschaubaren Publikum (das auf Decken und Campingstühlen Platz nahm) die Weisen der französischen Ureinwanderer zu Gehör zu bringen. Onkelchens Schulfranzösisch reichte leider nicht aus, die schlüpfrigeren Details der zum Teil recht deftigen Lieder zu verstehen. Glücklicherweise erklärte das Duo vor den einzelnen Stücken zumindest umrisshaft, worum es ging. Dadurch zog sich das Konzert zwar etwas in die Länge, aber Platz unter der großen alten Kastanie war so schön und schattig, dass man sich gut in eine andere Zeit und Realität wegträumen konnte. Die Notwendigkeit, sich mit anderen kanadischen Freizeitbeschäftigungen abzugeben (wie etwa den Penticton-Kanal in alten Reifen herunterzufahren), war somit nicht mehr gegeben. 
 
 

In der Nähe des heutigen Dörfchens Keremeos soll sich übrigens noch so etwas wie ein Schatz befinden, der sogenannte "Spanish Mound". Dabei soll es sich um den Grabhügel eines Trupps von spanischen Soldaten handeln, der irgendwann im 18. Jahrhundert von  den Indianern massakriert worden war. Die Indianer hatten sich damit nur revanchiert, da die Spanier im Jahr zuvor einige der Eingeborenen gefangengenommen hatten, als sie schon mal durch die Gegend gezogen waren. Als sie umkehren mussten und wieder durch das Tal von Keremeos kamen, wurden die Senores bis auf den letzten Mann niedergemacht. Wo dieser geheimnisvolle Grabhügel liegen soll, weiß niemand  genau. Es ist aber wohl Tatsache, dass bei Tauschgeschäften der hiesigen Indianer immer wieder mal spanische Relikte aus jener Zeit gehandelt wurden. Ob es das Grab der spanischen Soldaten aber tatsächlich gibt oder es sich nur eine Sage handelt, weiß niemand genau. Vielleicht muss Onkelchen "Indiana Jones" da noch mal herkommen. 


 

 
 

Montag, 22. Juni 2015

Der sonnige Süden von British Columbia

Gestern verließen Onkelchen und Tante Dilein das Hochgebirge und Revelstoke und gondelten gemütlich in den sonnigen Süden von British Columbia. Zunächst ging es mit der Fähre über den Arrow Lake.


Bei der lustigen Fährfahrt waren auch einige Altrocker mit von der Partie, die zu diesem Anlass ihre Maschinen auf Hochglanz poliert hatten. Diese Harley-Davidson durfte auch mal wieder den Duft von Freiheit und Abenteuer schnuppern.


Auf dem anderen Ufer liegt das kleine Städtchen Nakusp (klingt irgendwie nach Knusperriegeln, nicht wahr?) Die Besucherinformation hatte geschlossen. Vor dem Touristenbüro ist die Schaufeltrommel eines alten Schaufelraddampfers drapiert. Und jeden Tag zu Mittag erklingt die Schiffspfeife. Glücklicherweise kamen Onkelchen und Tante Dilein zu spät dafür, denn sonst hätte es ihnen das Trommelfell rausgeblasen.


Nach einer kurvigen Fahrstrecke und einem Picknick im Grünen am Ufer eines idyllischen Sees war dann das Dorf Kaslo erreicht. Dort ist ein echter Schaufelraddampfer erhalten geblieben, die S.S. Moyie. Das Schiff, das bis 1957 auf dem Kootenay Lake Dienst tat, ist der Stolz des kleinen Städtchens, und wer drei Dollar in ein Kässchen wirft, darf sogar selbst die Schiffspfeife betätigen. Tuuuut!


Und am Ende erreichten sie die Stadt Nelson. Diese liegt direkt am Kootenay Lake und atmet noch den Geist des viktorianischen Zeitalters.  

 


 
 

Samstag, 20. Juni 2015

Von Ski-Verrückten und Dorftrotteln

Ich muss mich entschuldigen. Wir sind ein bisschen hinterher mit unseren Updates. Das hat unter anderem damit zu tun, dass in den abgelegenen Gegegenden Kanadas, die Onkelchen und Tante Dilein zur Zeit bereisen, nur ab und an die Möglichkeit besteht, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. In den letzten paar Nächten waren sie in einer einsamen Blockhütte untergebracht, die als einzigen Luxus einen Kanonenofen zu bieten hatte. Siehe hier:

!
Der bayerische Märchenkönig Ludwig II., der ja als eher menschenscheuer Geselle galt, hätte sich hier sicher wohlgefühlt, wenn man  die Decke mit Szenen aus dem "Lohengrin" und dem "Tannhäuser" ausgemalt und das Dach mit ein paar spitzen Türmchen verziert hätte. Da wir aber nicht in Bayern sind, sondern in Kanada, stand diese Option leider nicht zur Verfügung. Hier sind die Leute hemdsärmeliger. Das ist aber kein Nachteil, da sie gleichzeitig in der Regel auch sehr freundlich und hilfsbereit sind. So etwa die Rangerin des Naturparks, die extra jeden Tag den Kanonenofen angezündet hat und mit dem Hundeschlitten auch noch Brennholznachschub brachte. Prust! Ich muss langsam aufpassen, sonst schwindele ich zu sehr! Höhö!    

Seit der Bärenbegegnung vor ein paar Tagen haben Tante Dilein und Onkelchen kein Großwild mehr gesehen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Onkelchen immer zu singen beginnt, sobald er in den Wald geht. Oder in ein Museum. Oder sonstwohin. Er singt eigentlich immer. Dabei bevorzugt er durchaus unterschiedliches Material. Zuletzt trällerte er zum Beispiel immer "Driving the last spike" von Genesis vor sich her, da wir gestern an der Stelle vorbeigekommen sind, an der die letzte Schienenlücke der transkontinentalen Eisenbahn Kanadas geschlossen wurde. Wie gesagt: Er singt eigentlich immer, Die Bären und Elche halten deshalb Abstand. 

Gestern kamen wir schließlich in ein kleines Städtchen namens Revelstoke. Das ist nicht nur von Bergen, sondern auch von Eisenbahnschienen umschlossen. Alle paar Minuten kriecht einer der hier üblichen kilometerlangen Güterzüge durch das einsame Tal und poltert am Fenster von Onkelchens und Tante Dileins Hotelzimmer vorbei. Beide kriegen das nicht mit, da sie von ihrem Aufenthalt "auf der Hütt'n" so erschöpft sind, dass sie die letzte Nacht durchgeratzt haben. Revelstoke ist ein hübsches Städtchen, das noch ein bisschen seiner Glanzzeit von vor hundert Jahren nachtrauert. Damals war es der Eisenbahnknotenpunkt im Inneren von British Columbia, und auch die Raddampfer aus nah und fern pflegten hier anzulegen. Damals legte sich die Stadt ein Gerichtsgebäude zu, das ein wenig dem Capitol in der US-Hauptstadt Washington D.C. nachempfunden war, es gab eine Oper und mondäne Hotels.

Davon ist leider wenig geblieben. Immerhin war Revelstoke in den zwanziger und dreißiger Jahren auch das Mekka des Skisports in Westkanada. Auf Betreiben eines aus Norwegen eingewanderten Ski-Verrückten namens Nels Nelsen wurde hier die seinerzeit größte Skisprungschanze Kanadas gebaut. Nels Nelsen erreichte hier seinerzeit sogar Skisprung-Weltrekorde. Wie groß und eindrucksvoll die Schanze war, lässt sich daran ersehen, dass die Skispringer aus den anderen Teilen Kanadas regelrecht Angst hatten, von hier herunterzuspringen, als 1931 die Landesmeistferschaften in Revelstoke ausgetragen wurden. Noch bis in die siebziger Jahre wurden in Revelstoke Skisprung-Wettbewerbe abgehalten. Danach geriet die Schanze allerdings nach und nach in Vergessenheit. Heute muss man sich sehr anstrengen, um sich vorzustellen, wie die Menschen in den dreißiger Jahren an der Wettkampfstätte mit den Athleten fieberten.



Lediglich der Kampfrichterturm ist noch einigermaßen erhalten, der Rest ist zunehmend dem Verfall preisgegeben.

Ansonsten ist Revelstoke wie gesagt ein nettes Städtchen, es gibt ein Kino und zahlreiche Kneipen (Treffpunkt der einheimischen Jugend ist die "Village Idiot Bar", was sich etwa als "Dorftrottelbar" übersetzen ließe. Mondäner ist das Steakhaus "Zalas", in welchem Onkelchen und Tante Dilein gestern sehr, sehr satt geworden sind). 


Das wäre es für den Moment. Wir melden uns wieder!





Montag, 15. Juni 2015

Port Alberni: Fjorde und fossile Flugzeuge

Wer mit Onkelchen zu tun hat, wird früher oder später den geflügelten Satz hören: "Das ist total überschätzt." Dieser Satz, den er oft als Totschlagargument einsetzt, lässt sich auf alles Mögliche anwenden. Und es ist ja auch oft so, dass sich Leute durch Hypes dazu bewegen lassen, unsinnige Sachen zu tun, weil sie eben gerade in sind und weil alle darauf abfahren.

Bubble Tea war vor ein paar Jahren beispielsweise so ein Phänomen. Auch die Reiseführer-Reihe "Lonely Planet" ist aus Onkelchens Sicht total überschätzt, und hier kreiseln wir uns langsam aufs Thema dieses Beitrags ein. Denn um Land und Leute wirklich kennenzulernen, taugen die Elaborate der australischen Reiseführerschmiede nach aller Erfahrung nicht. Sie sind eher dazu geeignet, die derzeit angesagten watering holes zu ermitteln, an denen sich die Hipster dieser Welt so treffen. Dann kann man zwar ganz entspannt chillen, aber das kann man ja eigentlich auch zuhause mit einem guten Buch. Meint Onkelchen.

Wahrscheinlich würde ein "Lonely Planet"-Autor in Port Alberni, dem Ort, den Onkelchen und Tante Dilein in den letzten paar Tagen zu ihrem Basislager auf Vancouver Island erkoren haben, bestenfalls den Mietwagen auftanken und dann einfach weiterfahren. Die angesagten Touristenorte liegen weiter draußen an der Küste; Tofino für Hipster und Jungs, wie sie vor den Filialen der ebenfalls sehr überschätzten Modemarke "Abercrombie & Fitch" posieren, und Ucluelet für alle Althippies. Port Alberni ist dagegen so ein bisschen das Aschenbrödel auf der Insel. Die Holzindustrie, die Fischerei und ein bisschen Tourismus sind die wichtigsten Wirtschaftszweige, die Gemeinde schlägt sich eher so durch. 

Dabei ist Port Alberni geographisch ungeheuer interessant, da der Ort an einem der längsten Fjorde unseres einsamen Planeten liegt. Dieses Alberni Inlet erlaubt es gewaltigen Holzfrachtern in Port Alberni anzulegen und Baumstämme in aller Herren Länder zu verschiffen, vorzugsweise nach Asien. Mit dem Schiff durch das Fjord zu fahren und die vorgelagerte Inselgruppe der Broken Islands zu durchqueren, ist sehr reizvoll. Man braucht dafür halt Zeit. 

Darüber hinaus liegt unweit der Kleinstadt der idyllische langgezogene Sproat Lake. Am Ufer des kristallklaren Sees häufen sich die Wochenendhäuser der Einheimischen. Onkelchen und Tante Dilein hatten in der vergangenen Woche das Glück, bei einer solchen Anrainerfamilie unterzukommen, die am See ihr Domizil hat. Der Kontrast könnte krasser nicht sein: Die Uferstraße führt kilometerlang durch Wald, man hat ständig den Eindruck, nach der nächsten Biegung geht es wirklich nicht weiter, die gelegentlichen "No Trespassing"-Schilder sorgen auch nicht unbedingt für mehr Vertrauen, und dann öffnet sich plötzlich der Blick auf den klaren, ruhig daliegenden See. Die See-Anrainer möchten auch ganz gerne, dass das so bleibt, denn auf Touristenströmr können sie gern verzichten.

Bis vor ein paar Jahren wurde die Stille am See gelegentlich durch den Motorendonner urtümlicher Flugboot-Giganten gestört. Denn der Sproat Lake war (und ist noch) die Heimstätte von zwei riesenhaften Martin-Mars-Flugbooten, die im zweiten Weltkrieg als Truppentransporter für den Pazifikkrieg gebaut wurden und später zu Löschflugzeugen für die Bekämpfung von Waldbränden umgebaut wurden. Ihre Spannweite von 60 Metern konkurriert sogar mit der moderner Jumbo-Jets. Leider sind die beiden letzten Flugboot-Dinosaurier nicht mehr im Einsatz, weil die Regierung der Provinz British Columbia vor zwei Jahrenden Kontrakt mit der Betreiberfirma auslaufen ließ. Der Betreiber reagierte einigermaßen verschnupft und legte die imposanten Maschinen still. Eines der beiden Flugboote trägt inzwischen wieder den originalen US-Navy-Anstrich und soll nach Florida in ein Museum der US-Marine wandern. Allerdings sorgten wohl logistische Gründe dafür, dass die Maschine derzeit noch im Depot des einstmaligen Betreibers vor sich hin gammelt. 

Die zweite Maschine wäre eigentlich noch einsatzbereit. Und Onkelchen fragt sich, ob sich die Regierung von British Columbia nicht ins Knie geschossen hat, denn angesichts des derzeit ungewöhnlich heißen und trockenen Frühjahrs sind Waldbrände im Sommer so gut wie programmiert. Und da wäre es doch ganz schick, wenn man auf einen Brandbekämpfer zurückgreifen könnte, der einfach so 27 Tonnen Wasser schlucken und abregnen lassen kann. Dann wäre der Martin Mars für den Betreiber kein Klotz am Bein, der nur Platz wegnimmt, sondern wäre weiterhin eine sehenswerte und nützliche Touristenattraktion und müsste nicht, wie im oberen Bild gezeigt, hinter dem Drahtzaun ein trauriges Mauerblümchen-Dasein fristen. Denn solche urtümlichen Riesenflugzeuge sind keineswegs überschätzt. Meint zumindest Onkelchen.

Kulinarischer Nachtrag: Im "Bare Bones" (Ecke Johnston und Elizabeth Street) gibt's tolle Fish & Chips mit Kabeljau (Cod), Lachs (Salmon) und Heilbutt (Halibut). Muss man probiert haben. Dort jobbt auch Jessica, die Freundin des Sohnes unserer Gastfamilie. Und wer sein Fahrzeug waschen möchte, geht ins "Port Posh Wash" - praktisch um die Ecke. Jedes Auto wird da sauber. Ende des Werbeblocks.

Samstag, 13. Juni 2015

Ein kanadischer Moment - Begegnung mit einem Bären


Es ist kaum zu glauben: Viermal waren Tante Dilein und Onkelchen zusammen in Kanada. Wildtiere haben sie da reichlich gesehen: Wapitihirsche, Schneeziegen, ab und an auch einen Kojoten. Aber einen Bären haben sie bisher nicht zu Gesicht bekommen.

Bis gestern. Da schipperten sie mit dem Frachtschiff MV Frances Barkley durch de Inselgruppe, die Vancouver Island vorgelagert ist, und als das Schiff bei einer dieser Inseln anlegte, ließ sich plötzlich ein Schwarzbär blicken - unweit eines Gästehauses, das vor allem bei Schöffel-Funktionskleidung tragenden Touristen sehr beliebt zu sein scheint. Onkelchen zückte sein Smartphone und hielt das atemberaubende Geschehen für die Nachwelt fest. Der Bär ist zunächst nur ein dunkler Fleck in der Bildmitte. Ab etwa 0:11 beginnt er sich zu bewegen und haut ab. Dabei scheucht er noch eine Krähe auf.

Freitag, 12. Juni 2015

Wind und Sand - Long Beach im Pacific Rim Nationalpark


Wenn man in Kanada unterwegs ist, dann ist manchmal der Weg das Ziel. Mit einer anderen Einstellung lassen sich die zum Teil aberwitzig weiten Entfernungen in diesem Land auch gar nicht bewältigen. Es sind die Eindrücke am Wegesrand, ein überraschender Blick auf einen klaren Bergsee zum Beispiel, oder ein majestätischer Gipfel, der plötzlich vor einem auftaucht, nachdem man mehrere Kilometer praktisch nur Schritttempo gefahren ist, weil der Straßenbelag an einem Highway ausgebessert werden muss. Diese Aufnahme entstand am Long Beach im Pacific Rim National Park. Hier ist das Land zu Ende, hier beginnt der Pazifik. Hier haben Wind, Sand und Wasser das Regiment übernommen, und wenn man hier einige Momente lang still wird, beginnt man zu ahnen, was Ewigkeit bedeutet.

Montag, 8. Juni 2015

Rollator-Rock in Nanaimo!

Die "Oak Ridge Boys" haben nichts mit Atomforschung zu tun -
wohl aber mit guter Country-Musik!

Es war eine unruhige Nacht, die Onkelchen und Tante Dilein in Vancouvers asiatischer Enklave verbrachten. Immerhin war es schon Tag, als beide wieder erwachten. Und so machten sie sich frohen Mutes auf, ihre nächste Etappe im Rahmen des "Missionswerks Schwäbischer Frohsinn" anzugehen.

Diese sollte die beiden nach Nanaimo auf der Insel Vancouver Island führen. Der Fahrt ging ein kleiner Disput voraus, welchen Fährhafen man denn anzusteuern gedenke, um auf die Insel überzusetzen. Onkelchen sprach sich für Horseshoe Bay im Norden von Vancouver aus, nachdem er gecheckt hatte, dass dort am Vormittag noch Plätze auf dem Schiff frei wahren. Tante Dilein hielt Onkels Planung dagegen für waghalsig und unrealistisch, denn um nach Horseshoe Bay zu kommen, muss man direkt durch Vancouver durchfahren - und das zur Hauptverkehrszeit. Tante Dilein hielt deshalb Tsawwassen im Süden der Stadt für die bessere Lösung, weil näher. Dort aber wäre eine Überfahrt erst am frühen Nachmittag möglich gewesen.

Da sich Onkelchen ans Lenkrad setzte, war der Disput schnell entschieden. Horseshoe Bay sollte es also sein. Da sein auf dem Handy installiertes Navigationssystem Sperenzchen machte, verzichtete er darauf, es zu benutzen und entschloss sich, nach den Verkehrsschildern zu fahren. Onkelchen hält sich für einen der letzten Autofahrer in Mitteleuropa, der diese Kunst noch beherrscht. Tante Dilein fügte sich ins Unvermeidliche, und es ging los.

Wider Erwarten kamen unsere Frohsinns-Missionare gut voran und bald erhoben sich die Glastürme von Vancouver vor den beiden. Krönender Abschluss war die Fahrt über die Lions Gate Bridge, Vancouvers Pendant zur Golden Gate Bridge in San Francisco. "Die Lions Gate Bridge ist halt grün, die Golden Gate Bridge rot. Das ist der einzige Unterschied", dozierte Onkelchen, und dann ging es in halsbrecherischem Tempo über den False Creek.

Für die Überfahrt nach Nanaimo hatten beide einen wunderbaren Tag erwischt: Sonne satt mit viel Wind. In der Ferne tauchte der mächtige Mount Rainier auf, ein mächtiger, über 4000 Meter hoher schneebedeckter schlafender Vulkan, der sich bereits auf dem Territorium der USA befindet. Leider bekamen sie nicht mit, wie einem anderen Fährpassagier der Klappstuhl von Bord geweht wurde. Diese Episode sollte später noch wichtig werden.

In Nanaimo angekommen - Nanaimo ist ein hübsches Städtchen, in dessen Hafenbecken sich Seeotter, Fischerboote und Wasserflugzeuge tummeln - fuhren sie eine Zeitlang hinter einem Bus mit der auffälligen Aufschrift "Oak Ridge Boys" hinterher. Onkelchen dachte natürlich gleich an Atomforschung, schließlich war Oak Ridge eines der Laboratorien, in denen die Amis während des Zweiten Weltkrieges an der Atombombe gebastelt hatten. Dafür war aber der Schriftzug auf dem Bus zu verschnörkelt. Tante Dileins Vermutung, dass es sich um den Tourbus einer Band handeln müsse, klang da noch am plausibelsten.

Schließlich stellte sich heraus, dass es sich bei den Oak Ridge Boys um eine Country-Band handelte, die schon seit rund 40 Jahren im Geschäft ist und zwar nicht mehr die ganz großen Hallen füllt, aber für die amerikanische und kanadische Provinz reicht es immer noch. Derart neugierig gemacht und weil es der einzige Spaß in der Stadt war, kauften sich beide die Karten.

Das stellte sich als die richtige Entscheidung heraus. Die Herren waren zwar keine Boys im strengen Sinne mehr, sie boten aber im Vorprogramm immerhin ein Country-Gewächs direkt aus Nanaimo auf, was ihnen die Sympathien der lokalen Besucherschar einbrachte. Die Herren waren gut drauf - besonders ein Sänger stach ins Auge, der dank seines schlohweißen Haupthaares und Bartes so aussah, als hätte sich Gandalf ein paar ausgebleichte Jeans, einen Stetsonhut und eine Sonnenbrille geschnappt. Ein anderer der vier Country-Rocker, die von einer gut aufgelegten Band begleitet wurden, hatte sich seine Frisur ganz offenbar von Rumpelstilzchen Robert Carlyle aus der ABC-Serie "Once upon a Time" ausgeborgt. Sein sonorer Baß drang zudem in Tiefen vor, die man kaum beschreiben kann. Man muss es hören.

Was soll man sagen? Die vier boten nicht nur Country-Folk, sondern vor allem gegen Ende des Programms Rollator-Rock vom Feinsten. Auch der Keyboarder hielt kräftig mit, obwohl es sein heißgeliebter Klappstuhl gewesen war, den der Wind am Vormittag von der Fähre ins Meer gefegt hatte. "Wahrscheinlich sitzt jetzt ein Wal drauf", witzelte der Frontmann. "Wisst ihr, was die Fährbetriebe von BC Ferries für die Überfahrt mit unserem Bus verlangt hatten?" Er verriet es nicht, aber das Missgeschick mit dem Klappstuhl wurde an jenem Abend noch ein paarmal eifrig aufgewärmt.

Das Fazit? Es kommt einfach darauf an, zur rechten Zeit zum richtigen Fährhafen zu kommen. Dann fährt man hinter dem richtigen Tourbus hinterher, hat einen tollen Abend, pennt hoffentlich gut und hat sich dann an den hiesigen Tag-Nacht-Rhythmus gewöhnt. Wir wollen es zumindest hoffen...

Hello Nanaimo!

Diesmal melden wir uns nur kurz - mit einem Blick über den Hafen von Nanaimo.


Bis bald! Euer Palfi.

Oh Canada - welcome to Asia!

Onkelchen und Tante Dilein haben sich einen langgehegten Traum erfüllt und sind diesen Sommer zu einer Rundreise durch Westkanada aufgebrochen. In dem Moment, in dem ich dies schreibe, sitzen sie in einem Hotel in Richmond/British Columbia und schlagen sich die Nacht um die Ohren - was ziemlich wörtlich zu nehmen ist, da die beiden erst angekommen sind und der Jetlag ziemlich zugeschlagen hat. Da das Flugzeug, eine betagte Boeing 767, die beiden um 14.30 Ortszeit auf kanadischem Boden ausgespuckt hat, galt es zumindest bis zum Abend tapfer durchzuhalten und wach zu bleiben, um den Organismus an den hiesigen Rhythmus zu gewöhnen. Beide schliefen tief und fest, allerdings nur vier Stunden, und jetzt liegen beide wach und ihnen fällt die Decke auf den Kopf. Glücklicherweise gibt es Fernsehen, und Tante Dilein genießt es, ihre Lieblingsserien wie "Castle" oder "Navy CIS" im Original gucken zu können. Onkelchen bemerkte daraufhin, dass die wirklich toll aussehende weibliche Hauptdarstellerin in "Castle" im Original eine ziemlich langweilige Stimme hat. Onkelchen sagt: Wenn sich Tante Dilein wirklich anstrengt, klingt sie viel erotischer! Dazu muss sie sich gar nicht anstrengen, sage ich!

Das Hotel, in dem die beiden nächtigen, liegt im Einzugsbereich des internationalen Flughafens von Vancouver. Das stört im Augenblick nicht, denn nachts gibt es kaum Flugbetrieb, und es war eine völlig richtige Entscheidung, am Ankunftstag, wo man wegen des langen Fluges (der aber toll war, völlig ruhig und mit tollen Aussichten auf die Rocky Mountains und die Küstenberge von British Columbia) sowieso total durch den Wind ist, keine allzu weite Autofahrt mehr zu wagen. Der gigantische Dodge-SUV, den die beiden bei der Autovermietung kriegten, musste daher nicht mal rülpsen, bis die beiden am Hotel waren. Onkelchens sechster Orientierungssinn schlug wieder zu, so dass die beiden nach kürzester Zeit beim Hotel waren, und nur eine kleine Extrarunde um den Block später, weil Onkelchen den Parkplatz nicht im ersten Anlauf getroffen hatte, befanden sich beide an ihrem ersten Bestimmungsort.

Um ein paar Sachen einzukaufen, gingen beide noch kurz in das gegenüberliegende Einkaufszentrum und erlebten dort einen Kulturschock - na ja, Onkelchen nicht so sehr, aber Tante Dilein schon. Alle Läden waren fest in asiatischer Hand, die Speisekarten der Restaurants waren in chinesischer oder koranischer Schrift gehalten und überall wuselten mandeläugige Menschen. Onkelchens Erklärung, dass es im Raum Vancouver sehr viele asiatische Einwanderer gebe, leuchtete ein. Im Food Court der Shopping Mall wurden deswegen keine Burger dargeboten, sondern Fried Noodles, Dumplings, Fried  Chicken with Rice, kantonesische und koreanische Köstlichkeiten und dergleichen. Onkelchens  Taiwan-gestählter Magen stürzte sich ins Abenteuer, und auch Tante Dilein probierte die von Onkelchen herangeschleppten vegetarischen Dumplings. Sie befand, dass sie (die Dumplings) mit reichlich Sojasoße ganz essbar waren.

Glücklicherweise war das (angebliche) kantonesische Nationalgericht Drache-Tiger-Phoenix nirgendwo zu finden (das Gericht besteht aus Schlange, Katze und Huhn), dafür wurden nebenan in einem Supermarkt lebendige Riesenkrabben und Garnelen feilgeboten. Und in einem anderen Laden,, der sich nicht nur auf Lebensmittel, sondern offenbar auch auf chinesische Medizin spezialisiert hatte, gab es in riesigen Körben geheimnisvolle Pilze und Schwämme, eingelegte Algen und anderes Zeug in Gläsern, die man sich besser nicht allzu genau ansah.  

All das hätte sich Onkelchen schon bei der Einreise denken können. Denn schon bei der Passkontrolle waren sie von einem mandeläugigen Persönchen namens Officer Wan in Empfang genommen worden. Als sie Onkelchens Pass begutachtete, bemerkte sie: "You travel a lot to Taiwan." Onkelchen nickte: "Yes, because of business", sagte er, grammatikalisch vielleicht nicht ganz korrekt.  Als er das Dokument zurückbekam, bedankte er sich mit "Si Sieh", was  auf Chinesisch "Danke" bedeutet. Tante Dilein glaubte daraufhin ein Lächeln in Officer Wans Gesicht entdeckt zu haben. Was lernen wir daraus? Manche Aspekte Kanadas lassen sich am Besten über Umwege verstehen.  


Freitag, 5. Juni 2015

Im Reich der "Weissen Eule"

Ich werde gelegentlich gefragt, ob ich etwas mit einem namhaften Hersteller von Kränen und Hebebühnen zu tun habe, mit dem so etwas wie eine flüchtige Namensähnlichkeit besteht. Und ich mache es gerne offiziell: Es bestehen keinerlei Berührungspunkte, keine Verwandtschaft oder Ähnliches. Es wäre auch völlig unlogisch. Wo ich bin, braucht man keine Hebebühnen oder Kräne. Ein 7,5 Tonnen schwerer asiatischer Elefantenbulle reicht für derartige Zwecke meist vollkommen aus. Wo ein Palfi ist, braucht man also keinen Palf...inger. Wie auch immer.

Genauso wenig wie ich etwas mit einem Hersteller von Hebebühnen zu tun habe, war Onkelchen jemals im Krieg oder in Kampfhandlungen verwickelt. Seine militärischen Meriten sammelte er während seines Wehrdienstes in einer Fernmeldeeinheit, die man sich so ungefähr wie die abgewrackten Legionäre des Lagers Kleinbonum vorstellen muss, wenn sie auf die Ablösung warten - Asterix-Fans wissen wieder einmal mehr! Trotzdem wird Onkelchen nicht müde, in einem Dialekt, den man bereits im Nachbardorf nicht mehr versteht (das vielgeschmähte Schwäbisch ist dagegen eine veritable Hochsprache!), über eingebildete Kriegserlebnisse zu bruddeln. 
Nein, Onkelchen war "Anno vieradreißgavierzg" weder vor Kursk noch "Anno siebnasechzg" vor Bir Gifgafa stationiert. Das ist vielmehr eine perfide Methode, die er entwickelt hat, um seine Mitmenschen zum Nervenzusammenbruch zu treiben.

Als Onkelchen noch so frisch war wie ein Elefantenjunges, wurde er gelegentlich in Wirtshäuser verschleppt - zum Beispiel wenn man eine Hochzeit oder Beerdigung zu beehren hatte. Diese Wirtshäuser waren alle auf ihre Weise gleich - schwere Butzenscheiben in den Fenstern, Hirschgeweihe an den Wänden, vergilbte Tapeten und Gardinen. Breiiges Stimmengewirr. Nicht der Muff von tausend Jahren, aber doch wenigstens der von 1957. Hier herrschte noch Adenauer. Wer hier verkehrte, wählte Filbinger. Keine Experimente, schon gar keine kulinarischen.

Dort saßen dicke alte Männer und rauchten, dass einem das Sehen verging. Und wenn sie nicht gerade Skat spielten, erzählten sie einander von ihren vermeintlichen Heldentaten. Der stinkende Zigarrenstumpen der Marke "Weisse Eule" verblieb dabei im Mundwinkel, der wegen der in den Dörfern damals herrschenden monatelangen Inzucht weiter herunterhing, als dies allgemein als gesund eingeschätzt wird. Man darf sich nicht wundern, dass die ohnehin reichlich dialektal geprägte Aussprache dadurch noch breiiger ausfiel.

Im Laufe der Zeit gab es immer weniger dieser dicken alten Männer, und auch die stinkenden Stumpen der Marke "Weisse Eule" waren immer schwieriger zu bekommen. Onkelchen bemerkte, dass damit wichtige Säulen der Gesellschaft wegbrachen. Mit ihren nicht enden wollenden Ausführungen über die schlechten Zeiten, die kalten Winter, das Artilleriefeuer in der russischen Steppe und nicht zuletzt den Totschlag-Argumenten "Mir hend ja nix g'het domols" und "Ihr hend ja no koin Kriag erläbt" (zu Deutsch: Wir hatten ja nix damals und Ihr habt ja noch keinen Krieg erlebt) vermochten sie jedem die Luft aus den Segeln zu nehmen, der in seinem Leben etwas erleben oder mehr sehen wollte als das Kaff, von dem man seinerseits den Podex der Welt ganz gut erblicken konnte. Diese dicken, stets in Zigarrenrauch gehüllten Männer sorgten letztlich dafür, dass die örtliche Gemeinschaft nicht vor die Hunde ging. Das meinten sie zumindest. Sie hielten sich für so etwas wie die personifizierte Moral des Dorfes. Dabei rächten sie sich nur an der nächsten Generation, weil ein komischer Typ mit Schnauzbart ihre Jugend ruiniert und ihnen alle Illusionen geraubt hatte.

Diese alten Männer hatten durchaus auch Kinder und Enkelkinder. Aber wenn diese die Alten mal um ein Taschengeld oder ein bisschen Geld für eine Kinokarte baten, dann kam auch wieder so ein Spruch der "Ihr habt ja noch keinen Krieg erlebt"-Kategorie. Auf diese Weise wurde die nachwachsende Jugend zu Sittsamkeit und Sparsamkeit angehalten. Und weil die Alten ständig nach "Weisse Eule" stanken, hatten die Jüngeren keine Lust, die ekligen Stumpen auch nur anzufassen.

Da es niemanden mehr gibt, der diese Funktion ausübt, bricht alles auseinander. Werte verfallen, keiner geht mehr in die Kirche (oder zumindest in das daneben stehende Wirtshaus). Junge Menschen geben sinnlos Geld für irgendwelchen Plunder aus, anstatt es für den Acker nebenan zu sparen. Kurz gesagt: Die Spaßgesellschaft breitet sich aus. Deshalb sich hat Onkelchen in jahrelanger Arbeit das Idiom der alten Männer angeeignet und ihre Kriegsgeschichten bewahrt, ja mehr noch: sich neue ausgedacht. (Onkelchen ist sich durchaus darüber klar, dass die besagten Herrn die meisten ihrer war stories dem Landserheft entnommen hatten!) Denn irgendjemand muss er heutigen Jugend doch aufzeigen, dass es noch etwas anderes gibt als Elektroplunder und Markenklamotten!

"Irgendwann kommt wieder ein Krieg", pflegten die Alten zu sagen, "und was mach'sch du dann mit deinem Glomp?" Weise Worte. Nur eines wird sich Onkelchen nicht angewöhnen, nämlich Stumpen der Marke "Weisse Eule" zu paffen. Die gibt es nämlich wirklich nicht mehr.