Ich und die Meinen

Ich und die Meinen

Herzlich willkommen!

So, das bin ich! Ich bin Kurt Palfi. Ich habe mir gedacht, jetzt muss mal ein neues Foto her. Leider hat Onkelchen ein Nacktfoto von mir hochgeladen. Aber ich sehe doch noch recht proper aus!
Wir (das sind ich, mein missratener Sohn Gianni Dona und Onkelchen, der alles für uns tippt) lästern in diesem Blog über alles, was gerade anfällt: Fußball, Politik, Film und Fernsehen, alles Mögliche. Viel Spaß!

Montag, 30. Juni 2014

WM-Blog: Warum Deutschland heute verliert

Wer diesen Blog und vor allem Onkelchens messerscharfe Analysen kennt, der weiß auch um das stets wiederkehrende Motiv seiner Ergüsse: Deutschland verliert, scheidet aus, müsste eigentlich schon längst auf dem Weg nachhause sein. Aber warum ist das so? Also habe ich mich an Onkelchen gewandt und ich frage ihn jetzt: Warum sollte Deutschland heute nach dem Achtelfinale gegen Algerien heute die Koffer packen müssen?
Zwei Worte: Historische Gerechtigkeit.
Ach, nur wegen dieser alten Geschichte von vor über 30 Jahren, an die sich heute kein Schland-Fan (und auch keine Fanin) mehr erinnern kann?
Für uns mag das eine alte Geschichte sein. Für die Algerier, die längst nicht so geschichtsvergessen sind wie wir, ist diese Sache nach wie vor präsent. Die Algerier erinnern sich noch sehr gut daran, dass sie seinerzeit von den Deutschen und Österreichern um das Weiterkommen gebracht wurden. Die werden heiß sein, das verspreche ich Dir. Heiß und bis unter die Haarspitzen motiviert.
Wie hast Du seinerzeit denn diese Sache erlebt?
Ich muss da vorausschicken, dass ich mich seinerzeit unglaublich auf die WM 1982 gefreut hatte. Ich hatte schon die Europameisterschaft 1980 aufmerksam verfolgt und war überzeugt, dass die deutsche Elf jetzt noch einen draufsetzen würde. Die Qualifikationsspiele waren unglaublich erfolgreich verlaufen, ich erinnere mich noch gut an das Qualifikationsspiel gegen die Österreicher in Wien - die waren seinerzeit auch in der deutschen Qualifikationsgruppe drin - bei dem Pierre Littbarski ein glänzendes Nationalmannschafts-ebüt hinlegte. Ich sammelte Klebebilder für mein Duplo-Hanuta-Klebealbum mit der deutschen Nationalmannschaft. Hintendrauf war ein Geleitwort von Bundestrainer Jupp Derwall abgedruckt, der über die Favoritenrolle der deutschen Elf schwadronierte. Ein paar Wochen vor dem Turnieranpfiff gab es sogar im Radio SDR1 eine Sendung - heute würde man das eine Call-In-Show nennen - die unter dem Motto stand: "Deutschland - der Fußballweltmeister im Losen". Die Leute meinten, die Auslosung garantiere den Deutschen mindestens das Halbfinale. Im Ernst: Algerien, Chile, Österreich, in dieser Reihenfolge - was konnte da schief gehen? Die Mannschaft, so der allgemeine Tenor der Anrufer in der Sendung, würde sich von Spiel zu Spiel Schritt für Schritt steigern können, um dann Revanche an den Österreichern für die Niederlage von Cordoba nehmen zu können. Erst dann würde die WM richtig beginnen.Und dann...
...verlor Deutschland gegen Algerien.
Ja! Das war für mich eine Katastrophe. Mein Vater versuchte mich zu trösten, eine Fußballniederlage sei nicht so schlimm, schließlich habe Deutschland ja den Krieg verloren. Der Fußball sei da nur nebensächlich. Tja, da wurden einige Illusionen zerstört, das kann ich dir sagen.

Verstehe. Und dann kam die "Schande von Gijon".
Hör mir doch bitte damit auf. Natürlich war das abschließende Gruppenspiel gegen Österreich furchtbar, aber ich fand die scheinheilige Selbstgerechtigkeit der deutschen Sportreporter weitaus weniger erträglich. Ein Opa namens Rudi Michel, der damals so was wie der Grandseigneur des deutschen Fußballkommentars gewesen sein musste, schwang sich zu einem Kommentar auf und tönte bedeutungsschwer: "Solche Spiele wollen wir nie wieder sehen!" Diese Scheinheiligkeit der Reporter kotzte mich an. Wenn man heute darüber liest, dann wird es meistens so dargestellt, als seien die Deutschen der einzige Schuldige an dieser Peinlichkeit gewesen. Dabei wird immer vergessen, dass die Österreicher genauso sehr von dem Ergebnis profitierten. Und am schlimmsten fand ich, dass nach dem Österreich-Spiel noch ein paar sogenannte deutsche Fußballfans gezeigt wurden, die sich darüber echauffierten, dass "diese sympathische algerische Mannschaft" durch die Schiebung aus dem Wettbewerb gekungelt worden sei. Diese Leute hätten auf Nachfrage keinen einzigen algerischen Fußballspieler beim Namen nennen können, darauf geb ich dir Brief und Siegel.
Wie hast du das Spiel gegen Österreich in Erinnerung?
Nach meiner Erinnerung lief die erste Hälfte noch vergleichsweise normal. Ich kann das nicht bestätigen, dass beide Mannschaften sofort nach Hrubeschs Führungstreffer alle Aktionen eingestellt hätten. Die zweite Hälfte war allerdings schlimm. Ich weiß noch sehr gut, dass ich mich darüber aufregte, dass die Österreicher den Ball ungestört hin- und herspielten und die Deutschen nicht dazwischen gingen. Hätten sie gekonnt, sie wollten aber offenbar nicht.
Und was wird heute Abend passieren?
Die Algerier werden brennen. Sie wissen genau, dass die Deutschen das Spiel schnell entscheiden wollen. Das hat ja Philipp Lahm auch gesagt, sinngemäß. Man wolle das Spiel in 90 Minuten gewinnen. Je länger die Algerier das Spiel offen gestalten können, desto selbstbewusster und mutiger werden sie. Wenn sie deie Deutschen in die Verlängerung oder gar ins Elfmeterschießen ziehen können, dann sind sie wahrscheinlich sogar im Vorteil. Für Deutschland wäre es deshalb überlebenswichtig, möglichst schnell nicht nur eines, sondern am besten sogar zwei Tore zu schießen. Ein Tor reicht gegen die Algerier nicht, das hat man gegen Russland gesehen. Da muss man schnell sein - schnell im Kopf und auf den Beinen, nicht so bräsig wie gegen die Amerikaner. Und das traue ich den Deutschen momentan nicht zu. Zudem sind die unsrigen bei Ballverlusten im Mittelfeld ausgesprochen konteranfällig. Wer erzählt, das Viertelfinale könne auf jeden Fall gebucht werden, leidet für mich unter krassem Realitätsverlust.

Sonntag, 29. Juni 2014

WM-Blog: Wanderer, kommst du nach Chile...

Es war eine epische Schlacht, vergleichbar nur den großen Konflikten der Menschheitsgeschichte. Elf tapfere Chilenen versuchten, den Vormarsch der scheinbar übermächtigen, von 60.000 Fans im Stadion und 200 Millionen Landsleuten unterstützten Brasilianer zu unterbinden. Allein, es gelang nicht. Wie die 300 tapferen Spartiaten an den Thermopylen mussten sich die Chilenen der brasilianischen Übermacht beugen. "Wanderer, kommst du nach Chile", steht es deswegen nun geschrieben (wo genau, wissen wir nicht), "verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl." Und wer an diesem momentan noch virtuellen Gedenkstein vorbeigeht, der von den Taten der tapferen Chilenen kündet, der sollte eine kleine Träne verdrücken und sich fragen, warum, ach warum das große Brasilien, das mit ewig unauslöschlichen Namen wie Pelé, Garrincha, Didi, Vava, Zagallo, Carlos Alberto, Rivelino, Jairzinho, Zico, Socrates, Falcao, Romario, Roberto Carlos, Ronaldo, Ronaldinho und Kakà im Fußball-Pantheon eingeschrieben ist, für diese Heim-WM im Sturm nichts Besseres zu bieten hat als die beiden Herren Fred und Hulk. Selten war ich mit Mehmet Scholl so sehr einer Meinung denn wie in dem Moment, als WM-Spaßvogel Scholli sinngemäß sagte: "Alle rasen auf dem Rasen. Bis auf Fred. Der steht."

Aber schon am Freitag könnte es für die Selecao wirklich ernst werden, denn mit Kolumbien gibt sich die neben den Niederlanden bisher überzeugendste Mannschaft dieser WM ein Stelldichein. Man darf den Kolumbianern wirklich gratulieren, denn sie haben nicht nur den ältesten WM-Teilnehmer aller Zeiten in ihren Reihen (den Ex-Kölner Faryd Mondragon), sondern auch den ältesten Feldspieler, einen Herrn Yepes, und ein veritables Fußball-Genie namens James Rodriguez, dessen Leichtfüßigkeit nur von seiner Treffsicherheit übertroffen wird. Und da er anders als gewisse Uruguayer nicht zu Beißattacken neigt, könnte er den Brasis im Viertelfinale tatsächlich noch die eine oder andere spielerische Unannehmlichkeit bereiten. Onkelchen faselt schon von einem Finale Kolumbien gegen die Niederlande. Mal sehen, ob es dazu kommt!

Denn für Onkelchen ist das Aus der deutschen Mannschaft gegen Algerien ausgemachte Sache. Da beißt die Maus keinen Faden ab, da "isch die Katz da Baum nuff", wie der Schwabe sagt. Da spielt auch eine Rolle, dass das berüchtigte 1-2 der deutschen Nationalmannschaft gegen Algerien bei der WM 1982 für Onkelchen zu den einschneidendsten und tiefgreifendsten WM-Erinnerungen gehört. Damals lautete eine viel zitierte Schlagerzeile "Algerien, Algerien, die schick' mer in die Ferien". Und was passierte? Nicht die Algerier wurden in die Ferien geschickt, sondern eine pomadig auftretende Touristentruppe unterlag gegen aufopferungsvoll rennende und kämpfende Nordafrikaner. Onkelchen konnte das damals vor 32 Jahren allerdings nicht verstehen. Er sah nur, dass da ein paar in grün und weiß gekleidete und größtenteils mit Schnauzbärten bewaffnete Leute der deutschen Elf kräftig in die Suppe spuckten. Das durfte doch nicht sein! Seitdem hat Onkelchen ein Algerien-Trauma weg. Und zwar kein kleines. Und deswegen erwartet er morgen nichts Geringeres als den Untergang der deutschen WM-Hoffnungen. Aber auch darin läge für ihn etwas Positives. Denn dann wäre Joachim Löw wahrscheinlich endgültig nicht mehr zu halten. Und dann käme der Neuanfang mit Peter Neururer.

Onkelchen, träum weiter!

Samstag, 28. Juni 2014

WM-Blog: Wie die Herren Szepan und Kuzorra das Tiki-Taka erfanden

Fußball erhitzt die Gemüter - ganz besonders in WM-Zeiten. Vor allem dann, wenn scheinbar festgefügte Wahrheiten innerhalb weniger Tage über den Haufen geworfen werden. Nicht zuletzt das frühe und spektakuläre Aus der Spanier hat viele echte und selbsternannte Experten dazu bewogen, zu einer Generalabrechnung mit dem Tiki-Taka-Stil der Iberer anzusetzen. Die Ära des grausig langweiligen, von endlosen Ballstaffetten bestimmten Tiki-Taka, so verkündeten sie, sei nunmehr beendet, und sie nickten dazu gravitätisch, grinsten sich aber wahrscheinlich auch ein bisschen ins Fäustchen. Das ist wie nach einem Königsmord im Shakespeare'schen Drama: Ein bisschen Schadenfreude muss erlaubt sein, wenn der einstmals Allmächtige still in seinem Blute liegt. Selbst oder gerade dann, wenn man noch gestern dem (inzwischen toten) König noch unverbrüchliche Treue schwor und ihn in überschwänglichen Hymnen lobte. Der Oberbayer geht an solche Dinge immer mit einem beneidenswerten Pragmatismus heran: Hi is er, a scheene Leich is er, oans, zwoa, gsuffa. Königsmorde muss man feiern.

Aber nicht jeder teilt diese Ansicht. Zu früh werde der Tod des Tiki-Taka verkündet, heißt es in einem Beitrag. Und überhaupt heiße das ja gar nicht Tiki-Taka, der richtige Name für den Stil heiße el toque (die Berührung), und das sei nach wie vor die schwierigste und zugleich edelste Art des Fußballspiels, die nie sterben werde. Spanien habe deswegen verloren, weil man gerade dem Geist dieses wahren el toque untreu geworden sei, weil man das Passspiel nur noch zum Zwecke der Defensive aufgezogen habe.  Und selbst die Deutschen pflegten diesen Stil, zumindest gegen Portugal, und wer etwas anderes zu sehen, zu glauben oder zu schreiben sich traue, der sei ein "Vollidiot". Autsch.

Onkelchen lag ja nach seiner Rückkehr aus Taiwan erst einmal eine Woche mit einer aus Asien mitgebrachten Grippe flach und konnte sich deshalb nicht wie gewohnt in die Fußball-Feuilletondiskussionen einschalten, die im Cyberspace hin und her wogen. Deswegen wundert ihn die Schärfe, mit der hier diskutiert wird. Wenn Deutsche diskutieren, geht es ja immer ums Prinzip. Entweder oder - etwas anderes geht nicht. Onkelchen tendiert dagegen immer mehr zu einem Ausgleich zwischen den Extremen - es scheint, dass seine Asienerfahrungen immer stärker auf seine Persönlichkeit abfärben.

Insofern kann sich Onkelchen gerne auf folgende Formel einlassen: Egal ob das Gebilde nun Tiki-Taka oder el toque heißt, das Ganze ist überaus ansehnlich, wenn es von Spitzenkräften gespielt wird, die dabei den Zug zum Tor nicht vergessen. Ungefähr wie Bach. Wenn aber die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr von Ramsenstrut das "Musikalische Opfer" von Bach zu spielen versucht, beginnt die Kleinteiligkeit des großen Eisenachers bestimmt irgendwann zu nerven. Das Gleiche gilt, wenn das spanische Nationalteam nicht mehr auf der Höhe seiner Kunst steht. Dann ist es gut, wenn in der Gestalt der einstmals spanischen Niederlande und der Chilenen bereits die Rächer auf den Plan treten, die den Dolch im Gewande tragen.

Und überhaupt muss man sich fragen, ob die Wiege des toque oder des Tiki-Taka denn nun wirklich in Spanien bzw. Katalonien stand. Onkelchen vermutet eher, dass die Herren Szepan und Kuzorra als geistige Vorfahren von Xavi und Iniesta gelten können. Denn der Schalker Kreisel der 30er und 40er Jahre war laut Wikipedia "ein Passspiel mit direkten kurzen Pässen (...) Charakteristisch für diese Form des Zusammenspiels war das aktive Freilaufen der nichtballführenden Mitspieler, um dem Ballbesitzenden permanent mehrere Anspielstationen zu bieten und so den Ball förmlich in das Tor des Gegners zu tragen mit dem Ideal, alle Gegner ausgespielt zu haben. Dadurch konnte es allerdings auch geschehen, dass die Schalker bei aller Überlegenheit und Eleganz „vergaßen“, Tore zu schießen, und die Zielstrebigkeit vermissen ließen."

Scheint ganz so, als ob dem Ernst Kuzorra seine Frau mit dem wahren Erfinder dieses Fußball-Spielstils verheiratet gewesen war.

Donnerstag, 19. Juni 2014

Hüftenkreiseln auf taiwanisch und malaysisch

Ich werde immer wieder (na ja, ein- oder zweimal) gefragt, ob Onkelchen nicht auch deshalb immer wieder nach Taiwan fährt, weil er dort unten was laufen hat. Nicht wahr, mit einer zarten Lotosblüte, die ihn mit ihren braunen Mandelaugen immer wieder anschmachtet, mit HbzA (Haaren bis zum A....), vielleicht sogar mit roten Haaren (OK, es gibt nicht viele Asiatinnen, die von Natur aus rote Haare haben, aber man kann ja mit gewissen Kosmetikprodukten nachhelfen)?

Und immer, wenn ich das gefragt werde, muss ich verneinen. Es gibt gute Gründe, die gegen eine solche wie auch immer geartete Fernbeziehung sprechen. Zuallererst, weil er Tante Dilein wirklich liebt (Doch, Doch! Er kann das nur nicht immer so zeigen!). Dann, weil er eher dem kräftigeren Frauentyp zuneigt, der im Fernen Osten eher dünner gesät als hier in der westlichen Hemisphäre. Würde man ihm Lucy Liu, die in der modernen Sherlock-Holmes-Serie "Elementary" die Assistentin Watson spielt, oder Melissa McCarthy, die unter anderem aus der Sitcom "Mike & Molly" bekannt ist, zur Auswahl stellen, dann würde sich Onkelchen immer für die üppige Melissa McCarthy entscheiden. Jaja, Deutscher Wein und Deutsche Treue, deutsches Weib und deutscher Sang, wie es so oder ähnlich in der glücklicherweise verbotenen Gaga-Strophe des Deutschlandliedes heißt - Onkelchen weiß durchaus, was er daran hat.

Und drittens ist Onkelchen ja auch jemand, der auf das Ende blickt. Es ist ja nicht auszuschließen, dass aus einer einstmals zarten Lotosblüte nach Jahren und Jahrzehnten etwas erwächst, das wie die rabiate Mao-Witwe Qiang Qing aussieht und ebensolche Allmachtsphantasien entwickelt. Da kann man nur vor Reißaus nehmen.

Da er heute seinen letzten Abend seiner diesjährigen Taiwantour verbracht hatte, lud ihn sein ortsansässiger Kollege in eine Musikkneipe ein. Einer der Sänger, den das Haus aufgeboten hatte, verbrachte die meiste Zeit seines Auftritts damit, zwei Damen - eine aus Taiwan, die andere aus Malaysia - auf die Bühne zu bitten und dort auf das Kommando "Go Taiwan!" "Go Malaysia!" mit den Hüften wackeln zu lassen. Wenn der Sänger nun sagte "Go Taiwan", dann musste die Taiwanerin wackeln, wenn er die Parole "Go Malaysia" ausgab, dann war die Malaiin mit dem Hüftenkreiseln dran. Zwischenzeitlich ließ der Sänger auch noch jemand aus dem Publikum (glücklicherweise nicht Onkelchen) die Kommandos geben. So kriegt man die Zeit auch rum, dachte Onkelchen.

Während nun der Sänger die beiden Damen kreiseln ließ, spielte sich vor der Türe der Musikkneipe so etwas wie ein kleines Drama ab. Ein Pärchen junger Menschen, das Onkelchen sofort (wegen des ordentlich-adretten Haarschnitts des jungen Mannes und der verkniffenen Biestigkeit seiner weiblichen Begleitung) sofort als Deutsche identifiziert hatte, überlegte wohl, ob sie reingehen sollten. Einer vom Bedienpersonal ging zu ihnen raus und verlangte wohl Eintritt. Und während der junge Mann noch einigermaßen unschlüssig vor der Türe stand, sprach der Blick der Dame Bände. Er sagte nämlich: "Hier geh ich nicht rein!" Vielleicht hatte sie ja auch echt taiwanische Volksmusik erwartet. Der Sänger sang dagegen gut gelaunt Sachen von R.E.M. und James Blunt.

Man kann es eben nicht allen recht machen.    

Mittwoch, 18. Juni 2014

Wie Buddha in den Suppenkessel sprang

Eigentlich sollte man annehmen, dass Onkelchen nach mittlerweile drei Taiwan-Reisen in ebenso vielen Jahren nichts mehr so richtig überraschen kann. Und richtig: Auf seiner inzwischen vierten Tour in das Inselreich hat er kein Problem mehr damit, wenn er in einer Garküche gesottene Schweinehufe in einem Kochtopf erblickt. Er nimmt es halt stoisch hin. Der Ferne Osten ist einfach eine Generalattacke auf alle Sinne, ganz besonders auf das Sehen, Schmecken und Riechen. Darauf, das ist Onkelchens Philosophioe, muss man sich als Besucher einfach einlassen. Aber auf eine Sache war er nun wirklich nicht vorbereitet, und das ist der Stinketofu.

Onkelchen ist ja eher einer von den Leuten, die bei Tofu generell das Prinzip "Leben und Leben lassen" bevorzugen. Will sagen: Sollte Onkelchen mal im Supermarktregal ein Stück Tofu finden, dann wird er es dort auch liegenlassen. Das ist im Großen und Ganzen ein gutes Arrangement.

Im Fernen Osten, vor allem aber in Taiwan, gibt es nun eine fermentierte Abart dieses Lebensmittels, die im Deutschen als "Stinketofu" im Englischen als "stinky tofu" bezeichnet wird. Bei seinen bisherigen Abenteuern in Taiwan hatte er das Zeugs noch nie gesehen geschweige denn gerochen. Lediglich in einem Buch einer deutschen Sinologin, die über ihren einjährigen Aufenthalt als Gaststudentin in Taiwan berichtet, stolperte Onkelchen ab und an über das Zeug.

Als Onkelchen aber nun am vergangenen Montag mit seinem Kumpel durch die alte Goldgräberstadt Jiufen schlenderte, drang ihm aus einer Garküche ein Duft in die Nase, bei dem es sich um gar nichts Anderes handeln konnte. Das Ganze roch, als hätte Onkelchen seine beiden Füße ein Jahr lang nicht gewaschen, dann die Hornhaut abgeraspelt, das Raspelzeug eingedickt.und schließlich gekocht. Ich will nicht sagen, dass der Geruch unerträglich ist, aber er setzt sich im Riechkolben fest. Noch Stunden danach hatte Onkelchen den Gestank in der Nase. Kein Wunder, dass Onkelchen davon absah, eine Probe mit nach Hause zu nehmen. Es wäre ihm wahrscheinlich so ergangen wie dem Mann, der in einer Kölner Mietwohnung eine Dose geöffnet hatte, die die schwedische Fischspezialität Surströmming  enthielt. Jenem Herrn, so besagt es wenigstens die urbane Legende, soll der Vermieter fristlos die Wohnung gekündigt haben. Denn der Gestank des fermentierten Dosenfischs, der eine so starke Gasentwicklung aufweist, dass sich nicht selten der Dosendeckel wölbt, war nicht mehr aus der Bude herauszubekommen.

Wie die urbane Legende weiter erzählt, soll der wenig einsichtige Liebhaber der traditionellen schwedischen Küche gegen die Kündigung geklagt haben. Die Argumente wurden ausgetauscht, und schließlich verlangte der Richter, der sich ein Urteil über die Geruchsbelästigung bilden wollte, dass im Gerichtssaal eine solche Fischdose geöffnet würde. Kaum war der erste Schwall des Geruches durch den Saal gewabert, soll der Richter die Kündigung augenblicklich bestätigt haben.

Deshalb hat Onkelchen auch kein Bild des Stinketofus aufgenommen. Er konnte einfach nicht lange genug an der Garküche stehen bleiben, um mit der Kamera ein ordentliches Bild des Tofus zu schießen. Unter Kennern ist es ja strittig, ob der Stinketofu als Lebensmittel oder als biologische Waffe erfunden wurde.

Weitaus angenehmer nahm sich dagegen die Suppe aus, die Onkelchen heute Abend in einem traditionellen taiwanischen All-You-Can-Eat-Local genießen durfte. Nach Auskunft seines Kumpels handelt es sich dabei um eine Suppe, bei der einstmals sogar Buddha selbst schwach geworden sein soll. Der Name der Suppe soll sich mit "Buddha springt in den Kessel" ins Deutsche übersetzen lassen. Der Sage nach soll nämlich Buddha auf einer Reise der Geruch dieser Suppe in die Nase gestiegen sein, und als er die Frau sah, die in dem Suppenkessel rührte, soll der Erleuchtete mitten rein gesprungen sein - und das, obwohl Buddha Vegetarier war. Denn es war klar zu sehen, dass in der Suppe zahlreiche Fleischstücke schwammen.

Nun konnte Onkelchen also auch diese Suppe probieren, und er fand sie großartig. Das, obwohl die einzige Zutat, die er sicher identifizieren konnte, eine Esskastanie war. Aber natürlich schwammen auch diesmal viele fleischige Elemente in der Brühe herum, unter anderem sogar eines mit Knochen.

Diese Suppe hatte sich Onkelchen auch wahrlich verdient, da er den Tag über brav auf einer obskuren Elektronikmesse in Taipei durchgehalten hatte. Dann und wann latschte er mal übers Gelände und suchte den einen oder anderen Aussteller heim, dem er dann komische Fragen stellte. Einige verstanden seine komischen, auf Englisch gestellten Fragen, andere nicht. Letztere dürften sich dann sicherlich wundern, falls sie jemals die Artikel zu Gesichte kriegen, die Onkelchen über die Messe schreiben will.

Kurioserweise waren nicht mal alle Stände der Messe besetzt. Am Stand neben dem von Onkelchens taiwanischer Partneragentur lagen lediglich die Bestelllisten obskurer Food-Bringdienste auf.
Und zwei Stände weiter in die andere Richtung war in unregelmäßigen Abständen ein Hupfdohlen-Trio zugange, das unter den Klängen chinesischer Kaugummi-Popmusik das Publikum dazu animieren sollte, an komischen Gewinnspielen teilzunehmen. Die beiden gestiefelten Kätzchen links und rechts hatten dabei nicht viel mehr zu tun als hin und wieder einen Ausfallschritt zu machen, mit dem Finger zur Decke zu zeigen und einen Cheerleader-artigen Urlaut auszustoßen. Die mittlere war dagegen ständig mikrofonverstärkt am Quasseln und warf Trostpreise unters Volk.
Wofür die drei Grazien aber nun letztlich werben, konnte Onkelchen bisher nicht herausfinden. Der Ferne Osten behält also weiter das eine oder andere Geheimnis.

Montag, 16. Juni 2014

Taiwans Wilder Westen

Tja, liebe Leute - das hatte sich Onkelchen anders vorgestellt. Anstelle in Brasilien verbringt er jetzt die spannende WM-Zeit in Taiwan. Das Klima - heiß und feucht - ist zwar ganz ähnlich wie in Südamerika, aber ansonsten gibt es da schon gewaltige Unterschiede. Immerhin ist Onkelchen heute nicht in der feuchtschwülen Hauptstadt Taipei versackt, sondern mit Leon, einem echten Taiwaner, ein bisschen aufs Land rausgefahren. Und dort hat er folgende Eindrücke mitgebracht:


Nördlich der Hauptstadt Taipei liegt die Hafenstadt Keelung. Diese wird von einer Tempelanlage überragt, zu der dieser prächtige Toraufgang führt. Unter der Kuppel, die wir uns besser gar nicht zu genau anschauen, hängt eine große Glocke, die man gegen eine Gebühr auch mal läuten darf. Laut Leon wurde die Tempelanlage im 20. Jahrhundert unter dem Diktator Chiang Kai-shek errichtet. Das sieht man an der folgenden überlebensgroßen, von zwei Löwenfiguren eingerahmten Statue, die innen begehbar ist. Zu solchen Geschmacksverirrungen waren frühere Jahrhunderte wohl nicht imstande:
Fragt sich bloß, warum sich die beiden sogenannten Löwenfiguren auch noch auf riesenhafte Eier stützen. Onkelchen wollte ja auch mal eine solche Statue von Tante Dilein errichten lassen. Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die Finanzierung wurde das Projekt aber vorerst auf Eis gelegt.
Die gewaltige Statue ist von einem Kreis von übrigen chinesischen Göttern umgeben. Dieser hier ist Onkelchen besonders sympathisch:
Mir hat es eher dieser Kollege angetan. Töro!
Dann ging es weiter zu der alten Goldgräberstadt Jiufen im Ruifang-Distrikt. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier Gold gefunden, und wie beim Goldrausch in Kalifornien lockte auch hier das gelbe Metall, Glücksritter, Händler, schräge Gestalten und anderes Gelichter an. Taiwans Wilder Westen sozusagen. Als der Bergbau im 20. Jahrhundert wieder aufgegeben wurde, verfiel auch die Stadt. Erst der Film "Die Stadt der Traurigkeit", der 1989 hier gedreht wurde, begann das Interesse an der Stadt wieder zu erwecken. Am Fuß des Ortes, der sich an einen Berghang schmiegt, befindet sich ein Tempel, der dem vergöttlichten General Guan Yu gewidmet ist.
Hier sitzt der General auf einer Art Thronsessel. Im Inneren des Tempels, in dem es stets nach Räucherstäbchen riecht, nimmt ein Drache ein erfrischendes Bad. Wer in das Becken eine Münze wirft, wird reich werden, heißt es im Volksglauben. Na, dann...
Im eigentlichen Ort Jiufen erinnert eine Marktstraße noch an das Treiben zur Goldgräberzeit. 
  Es gibt Gebäck...
... Stifte und Pinsel für die Kalligraphie...
Katzen in allen Formen und Farben (und um endlich mal mit dem Klischee aufzuräumen: IN TAIWAN WERDEN KEINE KATZEN GEGESSEN! Punktum.)

Es gibt Okarinas...
einen ausgetickten Drachen...
... bei alledem verliert Onkelchen keineswegs den Blick für die Schönheit der Architektur...
... und der Landschaft.
Am Ende des Tages stand eine Teezeremonie, die Onkelchens Kumpel kennerhaft zelebrierte.

Samstag, 14. Juni 2014

Von einem, der auszog, um in Taiwan WM zu gucken

Stellt euch vor, es ist WM, und Onkelchen ist nicht dabei, um zu lästern, seinen Senf abzugeben, das vorzeitige Aus der deutschen Mannschaft an die Wand zu malen, und noch einiges mehr. Und so ist es tatsächlich! Vor vier Jahren wagte er die Prognose:

Sollte Spanien tatsächlich Weltmeister werden, dann - so zeigt die Erfahrung - werden sie in vier Jahren denselben uninspirierten Fußball zeigen wie alle Titelverteidiger und im Niemandsland, das zwischen Vorrunde und Viertelfinale liegt, ausscheiden.

Nachzulesen hier. Und so ist es auch gekommen: Die Spanier, die den Weltfußball seit sechs Jahren beherrschten, wurden demontiert, filetiert, geschlachtet, gedemütigt, und was man sonst noch so an greulichen Vokabeln im Setzkasten hat. Und ausgerechnet jetzt, wo die WM langsam in die Gänge kommt und die deutsche Mannschaft ihrem WM-Stelldichein gegen Cristiano Ronaldo und die restlichen Portugiesen entgegen bibbert, ist Onkelchen nicht da. Er muss wieder mal auf die andere Seite der Weltkugel und in Taiwan nach dem Rechten sehen. Dort hat Fußball leider nicht denselben Stellenwert wie hierzulande, und so ist es fraglich, ob er auf der Insel überhaupt etwas von dem Fußballfest in Brasilien mitbekommt. Leicht erschwerend kommt hinzu, dass die Zeitverschiebung von Brasilien in den Fernen Osten gar seltsame Effekte zeitigt: Wenn die Deutschen am Montag ab 13 Uhr Ortszeit von Christiano Ronaldo & Co. eins übergebraten bekommen - davon geht Onkelchen aus - ist es in Taipei 3 Uhr nachts! Nicht unbedingt die beste Fernsehzeit, aber vielleicht kämpft Onkelchen ja mit dem Jetlag und hat Zeit, die verschiedenen Kanäle danach durchzusuchen, ob irgendwo ein Ball rollt.

Onkelchen hat sogar eine Hymne für diese WM komponiert. Naja, nicht unbedingt für die WM, aber für das Gastgeberland Brasilien. Er war zwar noch nicht dort, hat sich aber mehrfach als Fan der südamerikanischen Lebensart geoutet. Als er noch studierte, an der Uni in Oak-Town, gab es da eine brasilianische Sprachdozentin, der Onkelchen seine erste Begegnung mit einer Caipirinha verdankte. Ich muss ein bisschen weiter ausholen, um den Hintergrund zu erzählen. An Onkelchens Uni gab es so etwas wie ein Lateinamerika-Institut, und daher fand ein reger Austausch zwischen deutschen und lateinamerikanischen Studenten und -innen statt. Onkelchen lernte einen Gaststudenten aus Brasilien kennen und der brachte ihn dann mit seiner Landsfrau zusammen, einer jungen und sehr aparten Dozentin, die für Onkelchen die besagte Caipirinha mixte. Das ist jetzt ungefähr 20 Jahre her, und was aus jener bezaubernden Brasilianerin geworden ist, hat Onkelchen nie erfahren. Und das, obwohl er ihren Namen ab und an mal googelt (Hallo, Frau K.!).

Man muss wissen, dass Brasilianer und auch -innen einfach viel weniger Hemmungen im Umgang miteinander haben. Wo man sich hierzulande eher steif die Hände schüttelt, da wird umarmt man sich in Brasilien gleich und man bekommt das Gefühl, dass man von Anfang an dazu gehört. Ein Gefühl, das durch eine Caipi zur rechten Zeit auch noch wunderbar unterstützt wird.

Und in dieser Stimmung erschuf Onkelchen seine Brasilien-Hymne. Der Text lautete so:

Brasil do Brasil,
und du bist nicht allein,
Brasil do Brasil,
ja dir gehört die Liebe mein.

Ich persönlich finde sie eher peinlich, aber auch manche Peinlichkeit muss der Nachwelt überliefert werden. Insbesondere weiß ich gar nicht, ob die Zeile "Brasil do Brasil" im Portugiesischen überhaupt Sinn ergibt. Aber was man nicht alles so im Caipi-Rausch tut... Ich darf meinen Lesern aber versichern, dass sich alles im Rahmen der Sittsamkeit abgespielt hat und der Austausch streng im Rahmen des Interkulturellen geblieben ist. Allerdings ist es meiner Erinnerung nach nicht bei der einen Caipi geblieben.

Tja, statt Caipi gibts ab morgen für Onkelchen so leckere Sachen wie das Gericht "Drachetigerphönix" (Drache steht für Schlange, Tiger für Katze und Phönix für Huhn, und angeblich gibt es dieses Gericht tatsächlich, aber nicht in Taiwan, sondern in der chinesischen Provinz Kanton). In genau einer Woche will er zwar wieder zuhause sein, aber bis dahin, davon ist er überzeugt, ist die WM für Deutschland gelaufen. Warum? Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

Dienstag, 10. Juni 2014

Mein missratener Sohn Gianni Dona ist jetzt schon Weltmeister!


Oder hat er den Pokal nur irgendwo geklaut? Zuzutrauen wär's ihm. Mein missratener Sohn Gianni Dona hält sich ja für die Wiedergeburt eines - meines Wissens immer noch nicht verstorbenen - argentinischen Fußballidols. Als er gestern mit dem Pokal reingewackelt kam, murmelte er immer was von der "Hand Dottes", die ihm das Ding eingebracht haben soll. Sachdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.

Montag, 9. Juni 2014

Willkommen im Paralleluniversum!

An diesem megaheißen Wochenende waren Onkelchen und Tante Dilein in einem kleinen, hier nicht genannten Städtchen beim Einkaufen. Beide wackelten durch die sonnendurchflutete Hauptstraße des Ortes, in dem der Markt stattfand, und betrachteten sich das Angebot an Obst und Gemüse. Denn bei heißem Wetter steht beiden nicht so der Sinn nach Eintopf, sondern eher nach bunten Salaten. Plötzlich gewahrte Onkelchen aus dem Augenwinkel heraus einen kräftigen Herrn, über dessen wohlgeformtem Bauch sich ein verwaschenes T-Shirt spannte. "Bayern München - Champions-League-Sieger 2010" stand darauf deutlich zu lesen.
Onkelchen fielen fast die Augen aus dem Kopf. Wie Kenner der Materie wissen, langte es den Bayern im Jahre 2010 gerade eben nicht zum Champions-League-Sieg, sie wurden von José Mourinhos Inter Mailand in Madrid mit 0-2 bezwungen.
Ganz offensichtlich hielten sich Onkelchen und Tante Dilein aber in einem Universum auf, in dem dies nicht der Fall gewesen war. An irgendeinem Ort im Raum-Zeit-Kontinuum, der dem unsrigen ansonsten bis zum Verwechseln gleicht, muss Bayern München 2010 die Champions League gewonnen haben. Sonst würde es dieses besagte T-Shirt, das Onkelchen in der Menge gewahrt hatte, nicht geben können. Als treuer Zuseher der "Big Bang Theory" weiß Onkelchen natürlich, dass in der Physik solche Parallelwelten durchaus für denkbar gehalten werden. Dass er sich aber mit einem Mal und augenscheinlich übergangslos in einer solchen wiederfand, das hatte er sich nun nicht vorstellen können.
Oder vielleicht doch? Onkelchen überlegte genau, wann der Phasenübertritt von seiner angestammten Welt in das Paralleluniversum erfolgt sein konnte. Und ihn beschlich ein Verdacht. Am vergangenen Donnerstag hatte Onkelchen in dienstlichem Auftrag an einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen. Bei diesem Kurs hatte eine schlanke blonde Lehramtsstudentin neben ihm Platz genommen, die sich bereitwillig von ihm verbinden ließ (ich sagte: verbinden. Nicht FESSELN. Nur um Missverständnisse zu vermeiden). So was war Onkelchen in seinem Leben bisher noch nie passiert. Normalerweise halten schlanke blonde Frauen von ihm weiten Abstand. Und sich von ihm verbinden lassen - nee, die sind doch nicht larry, um einen längst vergessenen Ausdruck aus dem Fundus von Max Goldt zu verwenden.
Aber es geschah dennoch. Ein zweites Indiz kam hinzu: Onkelchens noch gar nicht mal so alte Armbanduhr, die ihm Tante Dilein vor einer Fahrt nach Rom geschenkt hatte, war plötzlich stehengeblieben - genau um 11:22 Uhr. Es lag nicht an einer leeren Batterie, denn der Sekundenzeiger drehte sich fröhlich weiter. Der Minuten- und Stundenzeiger hatten aber gestoppt. Als Onkelchen die augenscheinlich defekte Uhr letzten Samstag einem Uhrmacher zeigte, war dieser auch ratlos. War Onkelchen also am vergangenen Donnerstag um 11:22 Uhr Punkt in das Paralleluniversum eingetreten?
Es lohnt sich also, den Ort dieses möglichen Phasenübergangs genau zu untersuchen. Es geschah im Gebäude Streitfeldstraße 19 in München. Dieses Gebäude beherbergt ein merkwürdiges Forschungszentrum zur Drucktechnik, ein Steuerberatungsbüro, eine Evangelisch-Wesleyanische Kirchengemeinde (Was machen die bitte?) sowie den Lehrsaal "Malta" der Malteser in München. Ohne Frage eine ungewöhnliche Kombination. Im Eingangsbereich befand sich eine alte Druckmaschine der Firma Heidelberg - wahrscheinlich gehörte sie zu dem merkwürdigen Drucktechnik-Institut.
Befand sich also hier das Portal zu einer Parallelwelt?
Wir bleiben dran! Die Frage ist nur: Mit welchem Ergebnis hat Bayern München in diesem Paralleluniversum gewonnen?
Und gegen wen?  
    

Sonntag, 1. Juni 2014

Mein missratener Sohn Gianni IV-Dona bei einem Gesangsvortrag der Liedertafel Bärlauchheim


Onkelchen, der Schwatte und Mamma Koslowski

Es gibt Menschen, die im Ruhrgebiet nicht begraben sein möchten. Ein ehemaliger Kollege von Onkelchen, ein g’standenes Münchner Mannsbild, gestand einmal, er fühle mehr Gemeinsamkeiten mit den Österreichern als mit den Westdeutschen. Die Österreicher seien doch so viel kultivierter als die Ruhrgebietler, meinte er, und redete einer Abnabelung des Freistaates Bayern vom Rest Deutschlands das Wort. An die Stelle der lieblosen Zweckehe Bayerns mit der übrigen Bundesrepublik solle eine Liebesheirat des Freistaats mit Österreich einschließlich Südtirols treten. Onkelchen nickte jedesmal, wenn sein damaliger Kollege solche steilen Thesen vertrat. Nicht weil er zugestimmt hätte, sondern weil er sich dem zweifelsfrei zu erwartenden Münchner Grant nicht aussetzen wollte, wenn er denn zu Widerworten ansetzte. Eine Union aus Bayern, Österreich und eventuell Südtirol würde zumindest dazu führen, dass der FC Schalke 04 wenigstens mal wieder Chancen auf die deutsche Meisterschaft hätte.

Was hat das nun mit Onkelchen zu tun? Nun, er ist ein gar nicht mal so heimlicher Fan des Ruhrgebiets. Es hing mit Jürgen von Mangers Verkörperung des ewigen Ruhrpottlers Adolf Tegtmeier zusammen, dass Onkelchen sich das Revier so ein bisschen wie das Gelobte Land vorstellt, na ja gut, etwas grauer vielleicht. Für Onkelchens Mutter war Jürgen von Manger ein rotes Tuch. Sie konnte den Charakterdarsteller mit der gedehnten Sprache („da hab ich sie jesääääächt…“) nicht ausstehen. Onkelchen sah das anders. Für ihn war es ein früher Ausdruck seines Revoluzzergeistes, Tegtmeier gucken zu können.

Vor allem wohl auch wegen des trockenen Humors von Jürgen von Manger. In einer Folge von „Tegtmeiers Reisen“, so erinnerte er sich an einen kurzen Ausschnitt, den er trotz der TV-Zensur seiner Mutter erhaschen konnte, besuchte Jürgen von Manger seinerzeit mal Schottland und stellte sich an das Ufer von Loch Ness. Er sagte irgendetwas über Nessie, das Ungeheuer, das jenem trüben See angeblich innewohnt, machte dann eine Kunstpause und fragte scheinheilig: „Woll’n Se mal gucken?“ Aus Onkelchens Sicht war das der lustigste Witz der Weltgeschichte. Vielleicht lag es daran, dass von Manger nicht ganz so behäbig rüberkam – oder vielleicht auf eine andere Weise behäbig war wie die sonstigen TV-Unterhalter, die man auf den paar Kanälen zu sehen bekam, die man damals hatte (Man hatte ja nix.). Gelacht werden durfte nur beim Komödienstadl, denn auch Otto war tabu. Jürgen von Manger war da schon fast mit dem Blick in ein anderes Universum gleichzusetzen, einem Universum, das keine Krachledernen und keine Zither- und keine Blasmusik kannte und in dem es keinen Einrichtungsgegenstand namens Petra Schürmann gab.

Wahrscheinlich hat Onkelchen aus diesem Grund das Ruhrgebiet immer romantisiert. Seinen ersten Abstecher dorthin machte er allerdings erst letzte Woche, und zwar mit dem Chor, zu dem ihn Tante Dilein alle vier Wochen hinschleppt. Ein aus Essen gebürtiges Chormitglied hatte den Kontakt zu zwei Chören in Essen und Solingen organisiert (gut, Solingen ist technisch gesehen kein Teil des Ruhrgebiets, sondern des Bergischen Landes, aber lasst uns hier nicht allzu kleinlich sein), und so schaukelten die sangesfrohen Schwaben am frühen Morgen des 1. Mai in Richtung Rhein und Ruhr.

Neben den zwei Konzerten, über die ich hiermit den Mantel des Schweigens breiten will, weil sie nicht sehr gut besucht waren, wurden Onkelchen und seine Sangesfreunde in Essen auch über das weitläufige Gelände der ehemaligen Zeche Zollverein geführt. Onkelchen war natürlich kurz davor, in Hymnen über die wackeren Bergleute auszubrechen, die unter Tage das schwarze Gold gewannen und in ihrer kargen Freizeit Tauben züchteten und Fußball spielten, für diese Helden, die so spielten, wie sie malochten, und die so malochten, wie sie spielten. Und dann erzählte ein ehemaliger Bergmann von der Zeit, als die Schlote rauchten und die Presslufthämmer unter Tage hämmerten  und die Zeit von damals wurde lebendig: Hömma, da war der Schwatte von nebenan, und mit dem ging man inne Kneipe, nicht wahr, getz, aber dann kam man bei Koslowskis vorbei, und Mamma Koslowski hatte noch ein paar Kartoffeln über, und dafür trug man ihr einen Eimer Kohlen (was auch sonst) aus dem Keller hoch.

Der ehemalige Bergmann erzählte von den Tauben, die man damals züchtete, weil die Vögel im Gegensatz zu dem Menschen zumindest die Chance hatten, so etwas wie Licht und Freiheit er erleben. Und vom Fußball, damals 1946, noch vor der Währung. Damals spielten die Sportfreunde Katernberg (der Verein, bei dem auch Helmut Rahn das Fußballspielen erlernte) gegen Schalke 04. Mehr als 20.000 Leute wollten das Spiel sehen, und das auf einem Fußballplatz, auf dem sonst maximal fünf-bis siebentausende Leute Platz fanden. Also stellten sich die Zuschauer auf den Bahndamm der Köln-Mindener Eisenbahn, die an dem Sportplatz vorbeiführte. Davon bekam aber die Bahnpolizei bald Wind. Die Beamten gingen zu den Zuschauern und forderten die Menge auf, den Bahndamm zu räumen. Die gaben zurück: „In zwei Stunden kommt ihr wieder!“ An diesem Tag hatten die Kohlenzüge erhebliche Verspätung.
   
Schalkedortmundduisburgbochumwattenscheidrotweißessenoberhausen. Und Westfalia Herne. Aber Onkelchen hatte Westfalia Herne mit einem Fluch belegt, denn aus Herne kam Andrea Jürgens, und wenn die Heulboje aus Herne im Fernsehen ihr Scheidungskinderlied „Und dabei liebe ich euch beide“ jammerte, rannte Onkelchen schreiend aus dem Zimmer.


Irgendwo muss die Sympathie mit dem Ruhrpott ja ein Ende haben.