Nach dem Ende fast jedes großen Fußballturniers - WM oder EM - wägen weise Medienmenschen ab, ob der frischgebackene Titelträger denn auch ein würdiger Welt- oder Europameister sei. Da wird dann mehr oder weniger objektiv betrachtet, wie konstant die Mannschaftsleistung ausfiel und ob das System des Titelträgers allen Anforderungen an das, was man modernen Fußball nennt, denn auch standhält. Fast immer kommen die Experten dann aber doch zu dem Schluss, dass die siegreiche Mannschaft XY letztlich doch ein "würdiger" Welt- oder Europameister sei und den Titel verdient errungen habe.
Es gibt aber Ausnahmen. Noch heute gilt der Europameisterschaftssieg der Griechen im Jahr 2004 als Betriebsunfall - wenn man die einschlägigen Fachmedien studiert. Denn die Griechen erdreisteten sich bekanntermaßen, mit einer defensiv ausgerichteten Taktik und einem Libero (Unerhört!) ins Turnier zu gehen und auch zu gewinnen. Vor allem Fans der berühmten "Goldenen Generation" Portugals sind auf die Hellenen nicht gut zu sprechen, da sie den Mannen um Luis Figo und den jungen Cristiano Ronaldo eine lange Nase drehten - und zwar gleich zweimal, denn sowohl im Eröffnungsspiel als auch im Finale siegten die Griechen.
Vor allem im Vorfend eines WM-Finales greift immer wieder die Angst um sich, es könne eine Mannschaft gewinnen, die sich - Gott behüte - bis dahin durchs Turnier gewurschtelt hat. Vor allem die deutsche Mannschaft gilt als Spezialist in dieser Disziplin. 2002 etwa fand das damals von Rudi Völler gecoachte Team nach der Gruppenphase über die Stationen Paraguay, USA und Südkorea den Weg ins Endspiel und gewann dabei jeweils mit einem schmucklosen 1-0. Dabei sorgte vor allem Oliver Kahn dafür sorgte, dass der Kasten hinten sauber blieb. Nach dem verlorenen Finale schrieb so mancher Journalist, für den Weltfußball sei es wohl besser, dass Brasilien gewonnen habe. Denn der Stil der deutschen Mannschaft, die damals den Ruf einer soliden Handwerkertruppe hatte, galt nach Meinung der Meinung machenden Fußball- Feingeister als keineswegs nachahmenswert.
Nur: Hätte Deutschland damals das Finale tatsächlich gewonnen (was trotz der Sperre gegen Michael Ballack durchaus im Bereich des Möglichen lag), dann wäre die Völler-Elf ein genauso legitimer Weltmeister gewesen wie 1998 die Franzosen und 1994 die Brasilianer. Denn bei den Franzosen 1998 war auch nicht alles Gold, was glänzte: Zidane handelte sich in der Vorrunde einen Platzverweis ein, im Achtelfinale gewannen die Bleus durch Golden Goal gegen Paraguay und das Viertelfinale gegen Italien verlief sogar komplett torlos, so dass das Elfmeterschießen entscheiden musste. Fußballerischer Glanz sieht anders aus. Im Halbfinale ging Kroatien, das die Deutschen zuvor verdientermaßen rausgeworfen hatte, sogar in Führung, und Laurent Blanc handelte sich einen Platzverweis ein. Fußballerischer Glanz sieht anders aus. Immerhin gelang den Franzosen dann aber ein überzeugender Endspielsieg über die Brasilianer. Die wiederum holten 1994 den Titel vor allem aufgrund ihres Elfmeterglücks über die Italiener. Die hingegen hatten 2006 dasselbe Glück auf ihrer Seite.
Was heißt das für das heutige Endspiel? Es ist vollkommen egal, wie eine Mannschaft ins Finale gekommen ist. Sobald das Endspiel angepfiffen wird, sind die Karten neu gemischt. Niemand kann sich für die Viertel- oder Halbfinalergebnisse etwas kaufen. Auch eine Mannschaft, die wie Argentinien 1990 ihren Finaleinzug vor allem ihrem Elfmetertöter Sergio Goycoechea zu verdanken hat, ist ein legitimer Titelkandidat (Argentinien hatte die Vorrundengruppe nur als Dritter beendet - im 24er-Feld war auch den vier besten Gruppendritten ein Weiterkommen möglich - und musste sowohl im Viertel- als auch im Halbfinale ins Elfmeterschießen gehen).
Wer also Argentinien aufgrund der eher unspektakulären Auftritte in den Zwischenrunden unterschätzt, der könnte heute sein blaues Wunder erleben.
Ich und die Meinen
Herzlich willkommen!
So, das bin ich! Ich bin Kurt Palfi. Ich habe mir gedacht, jetzt muss mal ein neues Foto her. Leider hat Onkelchen ein Nacktfoto von mir hochgeladen. Aber ich sehe doch noch recht proper aus!
Wir (das sind ich, mein missratener Sohn Gianni Dona und Onkelchen, der alles für uns tippt) lästern in diesem Blog über alles, was gerade anfällt: Fußball, Politik, Film und Fernsehen, alles Mögliche. Viel Spaß!
Wir (das sind ich, mein missratener Sohn Gianni Dona und Onkelchen, der alles für uns tippt) lästern in diesem Blog über alles, was gerade anfällt: Fußball, Politik, Film und Fernsehen, alles Mögliche. Viel Spaß!
Sonntag, 13. Juli 2014
Freitag, 11. Juli 2014
WM-Blog: Onkelchen beginnt zu hoffen!
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| Argentinien hat zwei Trümpfe: Papst Franziskus und meinen missratenen Sohn Gianni Dona. |
Die Tatsache, dass wir schon seit einigen Tagen nichts von uns hören ließen, hat damit zu tun, dass Onkelchen in einer Bude an einer irischen Steilküste festsitzt, wo es weder Strom noch Zentralheizung geben soll. Internet gibt es dort selbstredend auch nicht, und so erhielt er von den letzten Heldentaten der deutschen Elf in Brasilien nur das Fernsehen in den irischen Pubs Kenntnis. Nun muss man sich die irische TV-Berichterstattung über die WM ganz anders als in Deutschland vorstellen. Da gibt es kein stundenlanges Vorgeplänkel, bei dem die Formkurve der Nationalelf und des jeweiligen Gegners in fetzigen Filmberichten erörtert wird, da sieht man auch keine ZDF-Reporterinnen, die zusammen mit einem deutschen Spieler die Füße in den Pool hängen, sondern ein in Ehren ergrauter Moderator sitzt drei irischen Altinternationalen gegenüber (die Betonung liegt auf "Alt"), und die Gesprächsrunde gibt vor dem Spiel, in der Pause und nach der Partie ihre Erwartungen und Eindrücke ab. Das Ganze hat was von Waldorf & Stettler aus der Muppet-Show, weil alle drei Altinternationalen keine Gelegenheit ungenutzt lassen, um ex cathedra zu erklären, wie grauenvoll doch das ganze Spiel sei und dass früher alles viel, viel, viel besser war.
Onkelchen haut ja gelegentlich in dieselbe Kerbe. Allerdings hat er sich seit dem Achtelfinale nicht mehr zu Wort gemeldet. "Was ist bloß mit ihm los?", dachten wir uns. Hat er vor lauter Guinness und irischem Whiskey seine Lästerzunge verschluckt? Nein, die Antwort ist viel simpler. "Du beginnst zu hoffen", sagte Tante Dilein nach dem Viertelfinale gegen Frankreich zu ihm. Zu hoffen, dass Deutschland eventuell doch wieder mal den ganz großen Wurf landen kann. Und wenn das nun unter der Ägide des von Onkelchen viel geschmähten Jogi Löw passieren sollte, ist das auch egal - Hauptsache, die Jungs bringen den Cup aus Brasilien mit.
Leider muss dafür aber noch das Finale gespielt werden. Und der Gegner ist ausgerechnet Argentinien, also das Land, zu dem mein missratener Sohn Gianni Dona hält. An Argentinien knüpfen sich für Onkelchen ganz unterschiedliche Erinnerungen - so zum Beispiel das WM-Finale 1986, in dem Deutschland einen Zwei-Tore-Rückstand aufholte, um dann trotzdem zu verlieren, oder das Endspiel von Rom vier Jahre später, in dem die Südamerikaner von Anfang an darauf bedacht waren, sich ins Elfmeterschießen durchzuwurschteln. Ironischerweise war es ein Strafstoß, der diesem Treiben ein Ende setzte - aber der von Andreas Brehme kernig ins linke untere Eck gesetzte Schuss fiel eben noch in der regulären Spielzeit. Scheinbar haben die Argies es den Deutschen nie verziehen, dass der Elfer eine - seien wir höflich - Konzessionsentscheidung des mexikanischen Schiedsrichters Edgardo Codesal Mendez war. Codesal hatte der fröhlichen Treterei der Argentinier lange zu- und dabei ein elfmeterreifes Foul übersehen und dann kurz vor Schluss eine Schwalbe - meiner Erinnerung nach von Völler - mit einem Elfer belohnt. Vielleicht wollte der Schiri einfach zeitig nach Hause. Aber viele Argentinier sind wegen dieser Schwalbe eben bis heute sauer auf die Deutschen. Dabei war es ja der Mexikaner, der den Elfmeter pfiff. Aber im nationalen Überschwang geht die Sicht auf die Details einfach manchmal verloren.
Auch bei Onkelchen war vier Jahre zuvor die scharfe Sicht auf die Details nach dem verlorenen Finale etwas verloren gegangen. Er befand sich damals auf einer humanistischen Klassenfahrt in der alten Kaiserstadt Trier und hatte das Endspiel mit seinen Freunden in einer dubiosen Spelunke geguckt. Die Bildröhre des Fernsehers in der Spelunke hatte einen kapitalen Rotstich, so dass es aussah, als werde das Azteken-Stadion in Mexico City nicht nur von der heißen Sonne, sondern von einem überdimensionalen medizinischen Infrarotstrahler illuminiert. Nach der Niederlage wollten Onkelchen und seine Kollegen in einem argentinischen Steakhaus in der Trierer Innenstadt noch ihren Frust rauslassen und etwas randalieren. Sie taten es dann aber doch nicht. Vielleicht war das auch ganz gut so. Denn einer der damals Beteiligten ist heute katholischer Priester, und der Papst wäre über diese Episode mit ziemlicher Sicherheit not amused.
Doch wie stehen denn nun die Chancen der deutschen Mannschaft im Finale? Gut, Argentinien hat Messi. Aber was ist schon ein Messi gegen Deutschlands gut geölte Pass- und Ballkontrollmaschine, deren Torhunger selbst Gastgeber Brasilien nicht widerstehen konnte? Vieles scheint im Vorfeld des Endspiels tatsächlich auf die deutsche Mannschaft hinzudeuten. So etwa die Tatsache, dass Argentinien einen tag weniger Erholungszeit hatte und sich im Halbfinale noch durch eine Verlängerung und ein Elfmeterschießen schleppen musste. Aber solche Äußerlichkeiten können täuschen. Wirklich unanfechtbar ist nur die Mathematik. Und da sieht es gerade für die deutsche Mannschaft traurig aus.
Denn die bisherigen WM-Endspiele, in denen die deutsche Elf siegreich blieb, wurden alle mit einem Tor Differenz gewonnen. Es ergibt sich folgende Folge:
3-2 (1954 in Bern)
2-1 (1974 in München)
1-0 (1990 in Rom)
Seht ihr das Problem? Deutschland kann nicht mehr gewinnen, da es in jedem erfolgreichen Endspiel jeweils ein Tor weniger erzielt hat als zuvor. Deutschland müsste 0 zu -1 spielen, damit die Folge aufrecht erhalten werden kann. Damit Deutschland gewinnen kann, müssen wir also eine ganz neue Art der Fußballmathematik erfinden.
Und dazu haben wir nur bis Sonntag Zeit. Die Mathematiker sollten sich besser mal ranhalten.
Donnerstag, 3. Juli 2014
WM-Blog: Ein Plan muss her!
Das Achtelfinale gegen Algerien hat uns alle um eine Erkenntnis bereichert, und zwar, dass Onkelchen zwar vom Ergebnis her nicht recht hatte (er hatte ja stocksteif das Ausscheiden der deutschen Elf prognostiziert), aber dass er durchaus viele Dinge richtig gesehen hat, zum Beispiel die Anfälligkeit der deutschen Hintermannschaft gegen Konter. Ohne den vom Kicker zum "Nobelpreis-Neuer" stilisierten Nationaltorwart wäre die Sache auch definitiv in die Hose gegangen. Nun geht es wieder einmal gegen Frankreich und die Ungewissheit wächst. Kann sich Deutschland nach dem - nun ja, mühsamen - 2:1 gegen Algerien wieder so weit aufraffen, dass es wenigstens für das Halbfinale reicht? Oder war es das jetzt endgültig und wir sollten unsere Fahnen so langsam einrollen?
Onkelchen ist dieser Frage ausgewichen. Zumindest räumlich. Er sitzt in einem Landhaus an der Südküste Irlands, wo er offiziell seine beiden noch ausstehenden Romane fertigschreiben will (Ha! Wer's glaubt!). Da aber auch hier die WM-Spiele zu empfangen sind, kann er sich der immer unerträglicheren Spannung dieser WM-Schlussphase nicht entziehen. Er hat deswegen gleich zwei Thesen anzubieten, wie das Spiel gegen Algerien zu bewerten ist. Je nachdem, welche dieser Thesen zutrifft, kann man die Chancen der deutschen Mannschaft gegen Frankreich einordnen.
1. These: Das Algerien-Spiel war der Offenbarungseid der Nationalmannschaft. Nach dem ermutigenden Spiel gegen Portugal zu Beginn ist das deutsche Team in den alten Schlendrian zurückverfallen und hatte lediglich Glück, dass bis jetzt keine Mannschaft den entscheidenden Punch setzen konnte. Das Algerien-Spiel zeigt: Bundestrainer Löw hat nicht nur keinen Plan, sondern er hält auch noch dazu unbelehrbarerweise an hanebüchenen taktischen Entscheidungen fest (Vier Innenverteidiger! Lahm im defensiven Mittelfeld! Kein echter Stürmer!). Die unvermeidliche Folge wird eine krachende Niederlage gegen Frankreich, das Ausscheiden im Viertelfinale und hoffentlich Löws Demission sein. Für diesen Fall dürfen wir festhalten: Selbst mit einem Peter Neururer als Cheftrainer wäre die deutsche Elf besser gefahren.
2. These: Algerien war im Hinblick auf die Situation der deutschen Mannschaft der denkbar schwerste Achtelfinalgegner. Zum einen, weil sich die Mannschaft sehr geschickt auf die deutsche Spielweise eingestellt hatte, zum zweiten weil die Algerier aufgrund der alten Geschichte von Gijon 1982 so richtig heiß auf die Deutschen waren, zum dritten weil die deutsche Elf zumindest in der ersten Hälfte durchaus durch die Angst vor dem Verlieren gehemmt war, und zum Vierten, weil nordafrikanische Mannschaften den Deutschen noch nie lagen. Jedesmal, wenn es in WM-Turnieren gegen Marokkaner, Algerier und/oder Tunesier ging, waren die Spiele eng und mühsam, die Deutschen gewannen nur mit Glück, wenn überhaupt. Frankreich ist in diesem Sinne ein dankbarerer Gegner, auch deshalb, weil Deutschland auch dann gewinnen konnte, wenn die Franzosen die spielerisch eindeutig besser besetzte Mannschaft waren. Insofern wäre für das morgige Viertelfinale noch nicht alles verloren.
Unabhängig davon bleibt aber die Frage: Hat Löw einen Plan? Und wenn ja, ist es der richtige? Insgesamt machte das deutsche Team in Brasilien manchmal den Eindruck, als habe man sich zwar fleißig und intensiv auf das Turnier vorbereitet, dabei aber die falschen Prüfungsthemen studiert. Und jetzt hilft nur noch Improvisation. Die sportliche Heeresleitung will aber nicht wahrhaben, dass man die falschen Antworten im Gepäck hat und ist keinesfalls zum Umlernen bereit, oder bestenfalls in Nuancen. Ob das gegen Frankreich reicht?
Auch die glorreiche Vergangenheit taugt nicht unbedingt als Vorbild: 1982 war Deutschland den Franzosen zwar spielerisch unterlegen, aber einige famose Einzelleistungen (Pierre Littbarski! Klaus Fischer!), Ausdauer und Wille sowie erschröckliche Abwehrschwächen auf Seiten der Equipe Tricolore (und die besseren Elfmeterschützen) brachten Deutschland damals ins Finale. 1986 konnte dann der französische Torwart Bats, zwei Jahre zuvor noch Europameister, einen Brehme-Freistoß nicht festhalten und die Franzosen mussten 81 Minuten lang einem glücklichen deutschen Führungstreffer hinterher rennen. Toni Schumacher machte damals sein wohl bestes Spiel im Nationaltrikot. Und dann rollte Rudi Nazionale kurz vor Schluss noch einen Kullerball über die französische Torlinie... Es ist kaum zu glauben, dass sich Löw und Co. diese glückliche Fügung zum Vorbild nehmen werden.
Bleibt also festzuhalten: Deutschland braucht einen Plan! Vielleicht nicht gerade der Schlieffenplan von anno 1914, der zwar einen von einem starken rechten Flügel ausging (Lahm auf rechts!), aber trotzdem schiefging. Wollen mal sehen, ob Löw einen hat.
Montag, 30. Juni 2014
WM-Blog: Warum Deutschland heute verliert
Wer diesen Blog und vor allem Onkelchens messerscharfe Analysen kennt, der weiß auch um das stets wiederkehrende Motiv seiner Ergüsse: Deutschland verliert, scheidet aus, müsste eigentlich schon längst auf dem Weg nachhause sein. Aber warum ist das so? Also habe ich mich an Onkelchen gewandt und ich frage ihn jetzt: Warum sollte Deutschland heute nach dem Achtelfinale gegen Algerien heute die Koffer packen müssen?
Zwei Worte: Historische Gerechtigkeit.
Ach, nur wegen dieser alten Geschichte von vor über 30 Jahren, an die sich heute kein Schland-Fan (und auch keine Fanin) mehr erinnern kann?
Für uns mag das eine alte Geschichte sein. Für die Algerier, die längst nicht so geschichtsvergessen sind wie wir, ist diese Sache nach wie vor präsent. Die Algerier erinnern sich noch sehr gut daran, dass sie seinerzeit von den Deutschen und Österreichern um das Weiterkommen gebracht wurden. Die werden heiß sein, das verspreche ich Dir. Heiß und bis unter die Haarspitzen motiviert.
Wie hast Du seinerzeit denn diese Sache erlebt?
Ich muss da vorausschicken, dass ich mich seinerzeit unglaublich auf die WM 1982 gefreut hatte. Ich hatte schon die Europameisterschaft 1980 aufmerksam verfolgt und war überzeugt, dass die deutsche Elf jetzt noch einen draufsetzen würde. Die Qualifikationsspiele waren unglaublich erfolgreich verlaufen, ich erinnere mich noch gut an das Qualifikationsspiel gegen die Österreicher in Wien - die waren seinerzeit auch in der deutschen Qualifikationsgruppe drin - bei dem Pierre Littbarski ein glänzendes Nationalmannschafts-ebüt hinlegte. Ich sammelte Klebebilder für mein Duplo-Hanuta-Klebealbum mit der deutschen Nationalmannschaft. Hintendrauf war ein Geleitwort von Bundestrainer Jupp Derwall abgedruckt, der über die Favoritenrolle der deutschen Elf schwadronierte. Ein paar Wochen vor dem Turnieranpfiff gab es sogar im Radio SDR1 eine Sendung - heute würde man das eine Call-In-Show nennen - die unter dem Motto stand: "Deutschland - der Fußballweltmeister im Losen". Die Leute meinten, die Auslosung garantiere den Deutschen mindestens das Halbfinale. Im Ernst: Algerien, Chile, Österreich, in dieser Reihenfolge - was konnte da schief gehen? Die Mannschaft, so der allgemeine Tenor der Anrufer in der Sendung, würde sich von Spiel zu Spiel Schritt für Schritt steigern können, um dann Revanche an den Österreichern für die Niederlage von Cordoba nehmen zu können. Erst dann würde die WM richtig beginnen.Und dann...
...verlor Deutschland gegen Algerien.
Ja! Das war für mich eine Katastrophe. Mein Vater versuchte mich zu trösten, eine Fußballniederlage sei nicht so schlimm, schließlich habe Deutschland ja den Krieg verloren. Der Fußball sei da nur nebensächlich. Tja, da wurden einige Illusionen zerstört, das kann ich dir sagen.
Verstehe. Und dann kam die "Schande von Gijon".
Hör mir doch bitte damit auf. Natürlich war das abschließende Gruppenspiel gegen Österreich furchtbar, aber ich fand die scheinheilige Selbstgerechtigkeit der deutschen Sportreporter weitaus weniger erträglich. Ein Opa namens Rudi Michel, der damals so was wie der Grandseigneur des deutschen Fußballkommentars gewesen sein musste, schwang sich zu einem Kommentar auf und tönte bedeutungsschwer: "Solche Spiele wollen wir nie wieder sehen!" Diese Scheinheiligkeit der Reporter kotzte mich an. Wenn man heute darüber liest, dann wird es meistens so dargestellt, als seien die Deutschen der einzige Schuldige an dieser Peinlichkeit gewesen. Dabei wird immer vergessen, dass die Österreicher genauso sehr von dem Ergebnis profitierten. Und am schlimmsten fand ich, dass nach dem Österreich-Spiel noch ein paar sogenannte deutsche Fußballfans gezeigt wurden, die sich darüber echauffierten, dass "diese sympathische algerische Mannschaft" durch die Schiebung aus dem Wettbewerb gekungelt worden sei. Diese Leute hätten auf Nachfrage keinen einzigen algerischen Fußballspieler beim Namen nennen können, darauf geb ich dir Brief und Siegel.
Wie hast du das Spiel gegen Österreich in Erinnerung?
Nach meiner Erinnerung lief die erste Hälfte noch vergleichsweise normal. Ich kann das nicht bestätigen, dass beide Mannschaften sofort nach Hrubeschs Führungstreffer alle Aktionen eingestellt hätten. Die zweite Hälfte war allerdings schlimm. Ich weiß noch sehr gut, dass ich mich darüber aufregte, dass die Österreicher den Ball ungestört hin- und herspielten und die Deutschen nicht dazwischen gingen. Hätten sie gekonnt, sie wollten aber offenbar nicht.
Und was wird heute Abend passieren?
Die Algerier werden brennen. Sie wissen genau, dass die Deutschen das Spiel schnell entscheiden wollen. Das hat ja Philipp Lahm auch gesagt, sinngemäß. Man wolle das Spiel in 90 Minuten gewinnen. Je länger die Algerier das Spiel offen gestalten können, desto selbstbewusster und mutiger werden sie. Wenn sie deie Deutschen in die Verlängerung oder gar ins Elfmeterschießen ziehen können, dann sind sie wahrscheinlich sogar im Vorteil. Für Deutschland wäre es deshalb überlebenswichtig, möglichst schnell nicht nur eines, sondern am besten sogar zwei Tore zu schießen. Ein Tor reicht gegen die Algerier nicht, das hat man gegen Russland gesehen. Da muss man schnell sein - schnell im Kopf und auf den Beinen, nicht so bräsig wie gegen die Amerikaner. Und das traue ich den Deutschen momentan nicht zu. Zudem sind die unsrigen bei Ballverlusten im Mittelfeld ausgesprochen konteranfällig. Wer erzählt, das Viertelfinale könne auf jeden Fall gebucht werden, leidet für mich unter krassem Realitätsverlust.
Zwei Worte: Historische Gerechtigkeit.
Ach, nur wegen dieser alten Geschichte von vor über 30 Jahren, an die sich heute kein Schland-Fan (und auch keine Fanin) mehr erinnern kann?
Für uns mag das eine alte Geschichte sein. Für die Algerier, die längst nicht so geschichtsvergessen sind wie wir, ist diese Sache nach wie vor präsent. Die Algerier erinnern sich noch sehr gut daran, dass sie seinerzeit von den Deutschen und Österreichern um das Weiterkommen gebracht wurden. Die werden heiß sein, das verspreche ich Dir. Heiß und bis unter die Haarspitzen motiviert.
Wie hast Du seinerzeit denn diese Sache erlebt?
Ich muss da vorausschicken, dass ich mich seinerzeit unglaublich auf die WM 1982 gefreut hatte. Ich hatte schon die Europameisterschaft 1980 aufmerksam verfolgt und war überzeugt, dass die deutsche Elf jetzt noch einen draufsetzen würde. Die Qualifikationsspiele waren unglaublich erfolgreich verlaufen, ich erinnere mich noch gut an das Qualifikationsspiel gegen die Österreicher in Wien - die waren seinerzeit auch in der deutschen Qualifikationsgruppe drin - bei dem Pierre Littbarski ein glänzendes Nationalmannschafts-ebüt hinlegte. Ich sammelte Klebebilder für mein Duplo-Hanuta-Klebealbum mit der deutschen Nationalmannschaft. Hintendrauf war ein Geleitwort von Bundestrainer Jupp Derwall abgedruckt, der über die Favoritenrolle der deutschen Elf schwadronierte. Ein paar Wochen vor dem Turnieranpfiff gab es sogar im Radio SDR1 eine Sendung - heute würde man das eine Call-In-Show nennen - die unter dem Motto stand: "Deutschland - der Fußballweltmeister im Losen". Die Leute meinten, die Auslosung garantiere den Deutschen mindestens das Halbfinale. Im Ernst: Algerien, Chile, Österreich, in dieser Reihenfolge - was konnte da schief gehen? Die Mannschaft, so der allgemeine Tenor der Anrufer in der Sendung, würde sich von Spiel zu Spiel Schritt für Schritt steigern können, um dann Revanche an den Österreichern für die Niederlage von Cordoba nehmen zu können. Erst dann würde die WM richtig beginnen.Und dann...
...verlor Deutschland gegen Algerien.
Ja! Das war für mich eine Katastrophe. Mein Vater versuchte mich zu trösten, eine Fußballniederlage sei nicht so schlimm, schließlich habe Deutschland ja den Krieg verloren. Der Fußball sei da nur nebensächlich. Tja, da wurden einige Illusionen zerstört, das kann ich dir sagen.
Verstehe. Und dann kam die "Schande von Gijon".
Hör mir doch bitte damit auf. Natürlich war das abschließende Gruppenspiel gegen Österreich furchtbar, aber ich fand die scheinheilige Selbstgerechtigkeit der deutschen Sportreporter weitaus weniger erträglich. Ein Opa namens Rudi Michel, der damals so was wie der Grandseigneur des deutschen Fußballkommentars gewesen sein musste, schwang sich zu einem Kommentar auf und tönte bedeutungsschwer: "Solche Spiele wollen wir nie wieder sehen!" Diese Scheinheiligkeit der Reporter kotzte mich an. Wenn man heute darüber liest, dann wird es meistens so dargestellt, als seien die Deutschen der einzige Schuldige an dieser Peinlichkeit gewesen. Dabei wird immer vergessen, dass die Österreicher genauso sehr von dem Ergebnis profitierten. Und am schlimmsten fand ich, dass nach dem Österreich-Spiel noch ein paar sogenannte deutsche Fußballfans gezeigt wurden, die sich darüber echauffierten, dass "diese sympathische algerische Mannschaft" durch die Schiebung aus dem Wettbewerb gekungelt worden sei. Diese Leute hätten auf Nachfrage keinen einzigen algerischen Fußballspieler beim Namen nennen können, darauf geb ich dir Brief und Siegel.
Wie hast du das Spiel gegen Österreich in Erinnerung?
Nach meiner Erinnerung lief die erste Hälfte noch vergleichsweise normal. Ich kann das nicht bestätigen, dass beide Mannschaften sofort nach Hrubeschs Führungstreffer alle Aktionen eingestellt hätten. Die zweite Hälfte war allerdings schlimm. Ich weiß noch sehr gut, dass ich mich darüber aufregte, dass die Österreicher den Ball ungestört hin- und herspielten und die Deutschen nicht dazwischen gingen. Hätten sie gekonnt, sie wollten aber offenbar nicht.
Und was wird heute Abend passieren?
Die Algerier werden brennen. Sie wissen genau, dass die Deutschen das Spiel schnell entscheiden wollen. Das hat ja Philipp Lahm auch gesagt, sinngemäß. Man wolle das Spiel in 90 Minuten gewinnen. Je länger die Algerier das Spiel offen gestalten können, desto selbstbewusster und mutiger werden sie. Wenn sie deie Deutschen in die Verlängerung oder gar ins Elfmeterschießen ziehen können, dann sind sie wahrscheinlich sogar im Vorteil. Für Deutschland wäre es deshalb überlebenswichtig, möglichst schnell nicht nur eines, sondern am besten sogar zwei Tore zu schießen. Ein Tor reicht gegen die Algerier nicht, das hat man gegen Russland gesehen. Da muss man schnell sein - schnell im Kopf und auf den Beinen, nicht so bräsig wie gegen die Amerikaner. Und das traue ich den Deutschen momentan nicht zu. Zudem sind die unsrigen bei Ballverlusten im Mittelfeld ausgesprochen konteranfällig. Wer erzählt, das Viertelfinale könne auf jeden Fall gebucht werden, leidet für mich unter krassem Realitätsverlust.
Sonntag, 29. Juni 2014
WM-Blog: Wanderer, kommst du nach Chile...
Es war eine epische Schlacht, vergleichbar nur den großen Konflikten der Menschheitsgeschichte. Elf tapfere Chilenen versuchten, den Vormarsch der scheinbar übermächtigen, von 60.000 Fans im Stadion und 200 Millionen Landsleuten unterstützten Brasilianer zu unterbinden. Allein, es gelang nicht. Wie die 300 tapferen Spartiaten an den Thermopylen mussten sich die Chilenen der brasilianischen Übermacht beugen. "Wanderer, kommst du nach Chile", steht es deswegen nun geschrieben (wo genau, wissen wir nicht), "verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl." Und wer an diesem momentan noch virtuellen Gedenkstein vorbeigeht, der von den Taten der tapferen Chilenen kündet, der sollte eine kleine Träne verdrücken und sich fragen, warum, ach warum das große Brasilien, das mit ewig unauslöschlichen Namen wie Pelé, Garrincha, Didi, Vava, Zagallo, Carlos Alberto, Rivelino, Jairzinho, Zico, Socrates, Falcao, Romario, Roberto Carlos, Ronaldo, Ronaldinho und Kakà im Fußball-Pantheon eingeschrieben ist, für diese Heim-WM im Sturm nichts Besseres zu bieten hat als die beiden Herren Fred und Hulk. Selten war ich mit Mehmet Scholl so sehr einer Meinung denn wie in dem Moment, als WM-Spaßvogel Scholli sinngemäß sagte: "Alle rasen auf dem Rasen. Bis auf Fred. Der steht."
Aber schon am Freitag könnte es für die Selecao wirklich ernst werden, denn mit Kolumbien gibt sich die neben den Niederlanden bisher überzeugendste Mannschaft dieser WM ein Stelldichein. Man darf den Kolumbianern wirklich gratulieren, denn sie haben nicht nur den ältesten WM-Teilnehmer aller Zeiten in ihren Reihen (den Ex-Kölner Faryd Mondragon), sondern auch den ältesten Feldspieler, einen Herrn Yepes, und ein veritables Fußball-Genie namens James Rodriguez, dessen Leichtfüßigkeit nur von seiner Treffsicherheit übertroffen wird. Und da er anders als gewisse Uruguayer nicht zu Beißattacken neigt, könnte er den Brasis im Viertelfinale tatsächlich noch die eine oder andere spielerische Unannehmlichkeit bereiten. Onkelchen faselt schon von einem Finale Kolumbien gegen die Niederlande. Mal sehen, ob es dazu kommt!
Denn für Onkelchen ist das Aus der deutschen Mannschaft gegen Algerien ausgemachte Sache. Da beißt die Maus keinen Faden ab, da "isch die Katz da Baum nuff", wie der Schwabe sagt. Da spielt auch eine Rolle, dass das berüchtigte 1-2 der deutschen Nationalmannschaft gegen Algerien bei der WM 1982 für Onkelchen zu den einschneidendsten und tiefgreifendsten WM-Erinnerungen gehört. Damals lautete eine viel zitierte Schlagerzeile "Algerien, Algerien, die schick' mer in die Ferien". Und was passierte? Nicht die Algerier wurden in die Ferien geschickt, sondern eine pomadig auftretende Touristentruppe unterlag gegen aufopferungsvoll rennende und kämpfende Nordafrikaner. Onkelchen konnte das damals vor 32 Jahren allerdings nicht verstehen. Er sah nur, dass da ein paar in grün und weiß gekleidete und größtenteils mit Schnauzbärten bewaffnete Leute der deutschen Elf kräftig in die Suppe spuckten. Das durfte doch nicht sein! Seitdem hat Onkelchen ein Algerien-Trauma weg. Und zwar kein kleines. Und deswegen erwartet er morgen nichts Geringeres als den Untergang der deutschen WM-Hoffnungen. Aber auch darin läge für ihn etwas Positives. Denn dann wäre Joachim Löw wahrscheinlich endgültig nicht mehr zu halten. Und dann käme der Neuanfang mit Peter Neururer.
Onkelchen, träum weiter!
Aber schon am Freitag könnte es für die Selecao wirklich ernst werden, denn mit Kolumbien gibt sich die neben den Niederlanden bisher überzeugendste Mannschaft dieser WM ein Stelldichein. Man darf den Kolumbianern wirklich gratulieren, denn sie haben nicht nur den ältesten WM-Teilnehmer aller Zeiten in ihren Reihen (den Ex-Kölner Faryd Mondragon), sondern auch den ältesten Feldspieler, einen Herrn Yepes, und ein veritables Fußball-Genie namens James Rodriguez, dessen Leichtfüßigkeit nur von seiner Treffsicherheit übertroffen wird. Und da er anders als gewisse Uruguayer nicht zu Beißattacken neigt, könnte er den Brasis im Viertelfinale tatsächlich noch die eine oder andere spielerische Unannehmlichkeit bereiten. Onkelchen faselt schon von einem Finale Kolumbien gegen die Niederlande. Mal sehen, ob es dazu kommt!
Denn für Onkelchen ist das Aus der deutschen Mannschaft gegen Algerien ausgemachte Sache. Da beißt die Maus keinen Faden ab, da "isch die Katz da Baum nuff", wie der Schwabe sagt. Da spielt auch eine Rolle, dass das berüchtigte 1-2 der deutschen Nationalmannschaft gegen Algerien bei der WM 1982 für Onkelchen zu den einschneidendsten und tiefgreifendsten WM-Erinnerungen gehört. Damals lautete eine viel zitierte Schlagerzeile "Algerien, Algerien, die schick' mer in die Ferien". Und was passierte? Nicht die Algerier wurden in die Ferien geschickt, sondern eine pomadig auftretende Touristentruppe unterlag gegen aufopferungsvoll rennende und kämpfende Nordafrikaner. Onkelchen konnte das damals vor 32 Jahren allerdings nicht verstehen. Er sah nur, dass da ein paar in grün und weiß gekleidete und größtenteils mit Schnauzbärten bewaffnete Leute der deutschen Elf kräftig in die Suppe spuckten. Das durfte doch nicht sein! Seitdem hat Onkelchen ein Algerien-Trauma weg. Und zwar kein kleines. Und deswegen erwartet er morgen nichts Geringeres als den Untergang der deutschen WM-Hoffnungen. Aber auch darin läge für ihn etwas Positives. Denn dann wäre Joachim Löw wahrscheinlich endgültig nicht mehr zu halten. Und dann käme der Neuanfang mit Peter Neururer.
Onkelchen, träum weiter!
Samstag, 28. Juni 2014
WM-Blog: Wie die Herren Szepan und Kuzorra das Tiki-Taka erfanden
Fußball erhitzt die Gemüter - ganz besonders in WM-Zeiten. Vor allem dann, wenn scheinbar festgefügte Wahrheiten innerhalb weniger Tage über den Haufen geworfen werden. Nicht zuletzt das frühe und spektakuläre Aus der Spanier hat viele echte und selbsternannte Experten dazu bewogen, zu einer Generalabrechnung mit dem Tiki-Taka-Stil der Iberer anzusetzen. Die Ära des grausig langweiligen, von endlosen Ballstaffetten bestimmten Tiki-Taka, so verkündeten sie, sei nunmehr beendet, und sie nickten dazu gravitätisch, grinsten sich aber wahrscheinlich auch ein bisschen ins Fäustchen. Das ist wie nach einem Königsmord im Shakespeare'schen Drama: Ein bisschen Schadenfreude muss erlaubt sein, wenn der einstmals Allmächtige still in seinem Blute liegt. Selbst oder gerade dann, wenn man noch gestern dem (inzwischen toten) König noch unverbrüchliche Treue schwor und ihn in überschwänglichen Hymnen lobte. Der Oberbayer geht an solche Dinge immer mit einem beneidenswerten Pragmatismus heran: Hi is er, a scheene Leich is er, oans, zwoa, gsuffa. Königsmorde muss man feiern.
Aber nicht jeder teilt diese Ansicht. Zu früh werde der Tod des Tiki-Taka verkündet, heißt es in einem Beitrag. Und überhaupt heiße das ja gar nicht Tiki-Taka, der richtige Name für den Stil heiße el toque (die Berührung), und das sei nach wie vor die schwierigste und zugleich edelste Art des Fußballspiels, die nie sterben werde. Spanien habe deswegen verloren, weil man gerade dem Geist dieses wahren el toque untreu geworden sei, weil man das Passspiel nur noch zum Zwecke der Defensive aufgezogen habe. Und selbst die Deutschen pflegten diesen Stil, zumindest gegen Portugal, und wer etwas anderes zu sehen, zu glauben oder zu schreiben sich traue, der sei ein "Vollidiot". Autsch.
Onkelchen lag ja nach seiner Rückkehr aus Taiwan erst einmal eine Woche mit einer aus Asien mitgebrachten Grippe flach und konnte sich deshalb nicht wie gewohnt in die Fußball-Feuilletondiskussionen einschalten, die im Cyberspace hin und her wogen. Deswegen wundert ihn die Schärfe, mit der hier diskutiert wird. Wenn Deutsche diskutieren, geht es ja immer ums Prinzip. Entweder oder - etwas anderes geht nicht. Onkelchen tendiert dagegen immer mehr zu einem Ausgleich zwischen den Extremen - es scheint, dass seine Asienerfahrungen immer stärker auf seine Persönlichkeit abfärben.
Insofern kann sich Onkelchen gerne auf folgende Formel einlassen: Egal ob das Gebilde nun Tiki-Taka oder el toque heißt, das Ganze ist überaus ansehnlich, wenn es von Spitzenkräften gespielt wird, die dabei den Zug zum Tor nicht vergessen. Ungefähr wie Bach. Wenn aber die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr von Ramsenstrut das "Musikalische Opfer" von Bach zu spielen versucht, beginnt die Kleinteiligkeit des großen Eisenachers bestimmt irgendwann zu nerven. Das Gleiche gilt, wenn das spanische Nationalteam nicht mehr auf der Höhe seiner Kunst steht. Dann ist es gut, wenn in der Gestalt der einstmals spanischen Niederlande und der Chilenen bereits die Rächer auf den Plan treten, die den Dolch im Gewande tragen.
Und überhaupt muss man sich fragen, ob die Wiege des toque oder des Tiki-Taka denn nun wirklich in Spanien bzw. Katalonien stand. Onkelchen vermutet eher, dass die Herren Szepan und Kuzorra als geistige Vorfahren von Xavi und Iniesta gelten können. Denn der Schalker Kreisel der 30er und 40er Jahre war laut Wikipedia "ein Passspiel mit direkten kurzen Pässen (...) Charakteristisch für diese Form des Zusammenspiels war das aktive Freilaufen der nichtballführenden Mitspieler, um dem Ballbesitzenden permanent mehrere Anspielstationen zu bieten und so den Ball förmlich in das Tor des Gegners zu tragen mit dem Ideal, alle Gegner ausgespielt zu haben. Dadurch konnte es allerdings auch geschehen, dass die Schalker bei aller Überlegenheit und Eleganz „vergaßen“, Tore zu schießen, und die Zielstrebigkeit vermissen ließen."
Scheint ganz so, als ob dem Ernst Kuzorra seine Frau mit dem wahren Erfinder dieses Fußball-Spielstils verheiratet gewesen war.
Aber nicht jeder teilt diese Ansicht. Zu früh werde der Tod des Tiki-Taka verkündet, heißt es in einem Beitrag. Und überhaupt heiße das ja gar nicht Tiki-Taka, der richtige Name für den Stil heiße el toque (die Berührung), und das sei nach wie vor die schwierigste und zugleich edelste Art des Fußballspiels, die nie sterben werde. Spanien habe deswegen verloren, weil man gerade dem Geist dieses wahren el toque untreu geworden sei, weil man das Passspiel nur noch zum Zwecke der Defensive aufgezogen habe. Und selbst die Deutschen pflegten diesen Stil, zumindest gegen Portugal, und wer etwas anderes zu sehen, zu glauben oder zu schreiben sich traue, der sei ein "Vollidiot". Autsch.
Onkelchen lag ja nach seiner Rückkehr aus Taiwan erst einmal eine Woche mit einer aus Asien mitgebrachten Grippe flach und konnte sich deshalb nicht wie gewohnt in die Fußball-Feuilletondiskussionen einschalten, die im Cyberspace hin und her wogen. Deswegen wundert ihn die Schärfe, mit der hier diskutiert wird. Wenn Deutsche diskutieren, geht es ja immer ums Prinzip. Entweder oder - etwas anderes geht nicht. Onkelchen tendiert dagegen immer mehr zu einem Ausgleich zwischen den Extremen - es scheint, dass seine Asienerfahrungen immer stärker auf seine Persönlichkeit abfärben.
Insofern kann sich Onkelchen gerne auf folgende Formel einlassen: Egal ob das Gebilde nun Tiki-Taka oder el toque heißt, das Ganze ist überaus ansehnlich, wenn es von Spitzenkräften gespielt wird, die dabei den Zug zum Tor nicht vergessen. Ungefähr wie Bach. Wenn aber die Kapelle der Freiwilligen Feuerwehr von Ramsenstrut das "Musikalische Opfer" von Bach zu spielen versucht, beginnt die Kleinteiligkeit des großen Eisenachers bestimmt irgendwann zu nerven. Das Gleiche gilt, wenn das spanische Nationalteam nicht mehr auf der Höhe seiner Kunst steht. Dann ist es gut, wenn in der Gestalt der einstmals spanischen Niederlande und der Chilenen bereits die Rächer auf den Plan treten, die den Dolch im Gewande tragen.
Und überhaupt muss man sich fragen, ob die Wiege des toque oder des Tiki-Taka denn nun wirklich in Spanien bzw. Katalonien stand. Onkelchen vermutet eher, dass die Herren Szepan und Kuzorra als geistige Vorfahren von Xavi und Iniesta gelten können. Denn der Schalker Kreisel der 30er und 40er Jahre war laut Wikipedia "ein Passspiel mit direkten kurzen Pässen (...) Charakteristisch für diese Form des Zusammenspiels war das aktive Freilaufen der nichtballführenden Mitspieler, um dem Ballbesitzenden permanent mehrere Anspielstationen zu bieten und so den Ball förmlich in das Tor des Gegners zu tragen mit dem Ideal, alle Gegner ausgespielt zu haben. Dadurch konnte es allerdings auch geschehen, dass die Schalker bei aller Überlegenheit und Eleganz „vergaßen“, Tore zu schießen, und die Zielstrebigkeit vermissen ließen."
Scheint ganz so, als ob dem Ernst Kuzorra seine Frau mit dem wahren Erfinder dieses Fußball-Spielstils verheiratet gewesen war.
Donnerstag, 19. Juni 2014
Hüftenkreiseln auf taiwanisch und malaysisch
Ich werde immer wieder (na ja, ein- oder zweimal) gefragt, ob Onkelchen nicht auch deshalb immer wieder nach Taiwan fährt, weil er dort unten was laufen hat. Nicht wahr, mit einer zarten Lotosblüte, die ihn mit ihren braunen Mandelaugen immer wieder anschmachtet, mit HbzA (Haaren bis zum A....), vielleicht sogar mit roten Haaren (OK, es gibt nicht viele Asiatinnen, die von Natur aus rote Haare haben, aber man kann ja mit gewissen Kosmetikprodukten nachhelfen)?
Und immer, wenn ich das gefragt werde, muss ich verneinen. Es gibt gute Gründe, die gegen eine solche wie auch immer geartete Fernbeziehung sprechen. Zuallererst, weil er Tante Dilein wirklich liebt (Doch, Doch! Er kann das nur nicht immer so zeigen!). Dann, weil er eher dem kräftigeren Frauentyp zuneigt, der im Fernen Osten eher dünner gesät als hier in der westlichen Hemisphäre. Würde man ihm Lucy Liu, die in der modernen Sherlock-Holmes-Serie "Elementary" die Assistentin Watson spielt, oder Melissa McCarthy, die unter anderem aus der Sitcom "Mike & Molly" bekannt ist, zur Auswahl stellen, dann würde sich Onkelchen immer für die üppige Melissa McCarthy entscheiden. Jaja, Deutscher Wein und Deutsche Treue, deutsches Weib und deutscher Sang, wie es so oder ähnlich in der glücklicherweise verbotenen Gaga-Strophe des Deutschlandliedes heißt - Onkelchen weiß durchaus, was er daran hat.
Und drittens ist Onkelchen ja auch jemand, der auf das Ende blickt. Es ist ja nicht auszuschließen, dass aus einer einstmals zarten Lotosblüte nach Jahren und Jahrzehnten etwas erwächst, das wie die rabiate Mao-Witwe Qiang Qing aussieht und ebensolche Allmachtsphantasien entwickelt. Da kann man nur vor Reißaus nehmen.
Da er heute seinen letzten Abend seiner diesjährigen Taiwantour verbracht hatte, lud ihn sein ortsansässiger Kollege in eine Musikkneipe ein. Einer der Sänger, den das Haus aufgeboten hatte, verbrachte die meiste Zeit seines Auftritts damit, zwei Damen - eine aus Taiwan, die andere aus Malaysia - auf die Bühne zu bitten und dort auf das Kommando "Go Taiwan!" "Go Malaysia!" mit den Hüften wackeln zu lassen. Wenn der Sänger nun sagte "Go Taiwan", dann musste die Taiwanerin wackeln, wenn er die Parole "Go Malaysia" ausgab, dann war die Malaiin mit dem Hüftenkreiseln dran. Zwischenzeitlich ließ der Sänger auch noch jemand aus dem Publikum (glücklicherweise nicht Onkelchen) die Kommandos geben. So kriegt man die Zeit auch rum, dachte Onkelchen.
Während nun der Sänger die beiden Damen kreiseln ließ, spielte sich vor der Türe der Musikkneipe so etwas wie ein kleines Drama ab. Ein Pärchen junger Menschen, das Onkelchen sofort (wegen des ordentlich-adretten Haarschnitts des jungen Mannes und der verkniffenen Biestigkeit seiner weiblichen Begleitung) sofort als Deutsche identifiziert hatte, überlegte wohl, ob sie reingehen sollten. Einer vom Bedienpersonal ging zu ihnen raus und verlangte wohl Eintritt. Und während der junge Mann noch einigermaßen unschlüssig vor der Türe stand, sprach der Blick der Dame Bände. Er sagte nämlich: "Hier geh ich nicht rein!" Vielleicht hatte sie ja auch echt taiwanische Volksmusik erwartet. Der Sänger sang dagegen gut gelaunt Sachen von R.E.M. und James Blunt.
Man kann es eben nicht allen recht machen.
Und immer, wenn ich das gefragt werde, muss ich verneinen. Es gibt gute Gründe, die gegen eine solche wie auch immer geartete Fernbeziehung sprechen. Zuallererst, weil er Tante Dilein wirklich liebt (Doch, Doch! Er kann das nur nicht immer so zeigen!). Dann, weil er eher dem kräftigeren Frauentyp zuneigt, der im Fernen Osten eher dünner gesät als hier in der westlichen Hemisphäre. Würde man ihm Lucy Liu, die in der modernen Sherlock-Holmes-Serie "Elementary" die Assistentin Watson spielt, oder Melissa McCarthy, die unter anderem aus der Sitcom "Mike & Molly" bekannt ist, zur Auswahl stellen, dann würde sich Onkelchen immer für die üppige Melissa McCarthy entscheiden. Jaja, Deutscher Wein und Deutsche Treue, deutsches Weib und deutscher Sang, wie es so oder ähnlich in der glücklicherweise verbotenen Gaga-Strophe des Deutschlandliedes heißt - Onkelchen weiß durchaus, was er daran hat.
Und drittens ist Onkelchen ja auch jemand, der auf das Ende blickt. Es ist ja nicht auszuschließen, dass aus einer einstmals zarten Lotosblüte nach Jahren und Jahrzehnten etwas erwächst, das wie die rabiate Mao-Witwe Qiang Qing aussieht und ebensolche Allmachtsphantasien entwickelt. Da kann man nur vor Reißaus nehmen.
Da er heute seinen letzten Abend seiner diesjährigen Taiwantour verbracht hatte, lud ihn sein ortsansässiger Kollege in eine Musikkneipe ein. Einer der Sänger, den das Haus aufgeboten hatte, verbrachte die meiste Zeit seines Auftritts damit, zwei Damen - eine aus Taiwan, die andere aus Malaysia - auf die Bühne zu bitten und dort auf das Kommando "Go Taiwan!" "Go Malaysia!" mit den Hüften wackeln zu lassen. Wenn der Sänger nun sagte "Go Taiwan", dann musste die Taiwanerin wackeln, wenn er die Parole "Go Malaysia" ausgab, dann war die Malaiin mit dem Hüftenkreiseln dran. Zwischenzeitlich ließ der Sänger auch noch jemand aus dem Publikum (glücklicherweise nicht Onkelchen) die Kommandos geben. So kriegt man die Zeit auch rum, dachte Onkelchen.
Während nun der Sänger die beiden Damen kreiseln ließ, spielte sich vor der Türe der Musikkneipe so etwas wie ein kleines Drama ab. Ein Pärchen junger Menschen, das Onkelchen sofort (wegen des ordentlich-adretten Haarschnitts des jungen Mannes und der verkniffenen Biestigkeit seiner weiblichen Begleitung) sofort als Deutsche identifiziert hatte, überlegte wohl, ob sie reingehen sollten. Einer vom Bedienpersonal ging zu ihnen raus und verlangte wohl Eintritt. Und während der junge Mann noch einigermaßen unschlüssig vor der Türe stand, sprach der Blick der Dame Bände. Er sagte nämlich: "Hier geh ich nicht rein!" Vielleicht hatte sie ja auch echt taiwanische Volksmusik erwartet. Der Sänger sang dagegen gut gelaunt Sachen von R.E.M. und James Blunt.
Man kann es eben nicht allen recht machen.
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